g-schichten.de
G-SCHICHTEN.DE

Britische Politik fernab der Konstitution.

Seite drucken

Magna-Charta

Demokratische Rechte werden nicht gewährt, sondern erstritten. Das gilt heute und galt 1215 als der englische König Johann von aufständischen Baronen und der Kirche zu Einschränkungen seiner Macht gezwungen wurde. In einer Magna Charta wurden das Lehensrecht, bürgerliche Freiheiten und das Eigentumsrecht festgeschrieben und sie lieferte die Grundlage zur Entwicklung des englischen Parlamentarismus, der allerdings knapp 800 Jahren benötigte, ein allgemeines, freies und gleiches Wahlrecht hervorzubringen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts durfte in England jeder Mann ab einem gewissen Alter und Einkommen wählen und jeder Mann, der gewählt worden war und die von Abgeordneten zu entrichtenden Gebühren bezahlte, konnte über die Geschicke des Landes mitbestimmen, sofern er über die Sachverhalte informiert wurde, was im Hinblick auf die Außenpolitik oft nicht geschah. Grundsatz der britischen Außenpolitik war es, keine Bündnisse abzuschließen, die es zu einem militärischen Beistand verpflichtete. Diese Politik der ,splendid isolation' gehörte zum britischen Selbstverständnis. Jeder, der offen dagegen verstoßen hätte, würde gelyncht worden sein.

Glaubenssätze.

Verstößt man gegen einen Glaubenssatz, bedarf es eines weiteren, dicker aufgetragenen, den ersten Glaubenssatz zu übertünchen, vergessen zu machen. An die Stelle der ,Splendid isolation' trat die ,Entente cordiale'.

Vertrag zwischen Großbritannien und Frankreich über Ägypten und Marokko vom 8. April 1904

Es war diese ,Entente cordiale' die Großbritannien zum Kriegseintritt 1914 veranlaßte. Aus dem üblen Plan ein Greater Britain zu formieren, d.h. einen engeren Zusammenschluß der britischen Besitzungen mit Großbritannien zu bilden, wurde die herzliche Verbindung zwischen Großbritannien und Frankreich, um sich gegenseitig die Ausplünderung Nordafrikas zu gestatten, was man dem englischen Wahlvolk noch verkaufen konnte. Die Allianz der Herzen wurde jedoch durch weitere, schriftlich nicht fixierte Absprachen zwischen Großbritannien und Frankreich ergänzt. Das Parlament und die Öffentlichkeit sollten davon nichts erfahren, jedenfalls nicht ehe der erste Schuß gefallen war. Es ging um die Verteidigung des Imperiums und Fragen der nationalen Sicherheit bedürfen nicht der Kenntnisnahme durch die Nation?

Frankreich bekam Marokko, worüber die Marokkaner noch heute glücklich sind, schicken sie doch ihre Kinder nach Frankreich zum Studieren, weil Französisch die Sprache ist, durch die sich der gebildete Marokkaner (Herr) vom arabischen Pöbel (Knecht) unterscheidet.

Es reiste der englische König Edward VII. nicht nur nach Frankreich, sondern auch nach Spanien und Italien, die Honoratioren mit Schmeicheleien und Orden zu beglücken, Spanien einen Anteil an Marokko zu gewähren und Italien die Inbesitznahme Lybiens zu erlauben, was dann auch ohne einen Aufschrei in England zu provozieren, geschehen konnte. Daß das in starkem Kontrast zur Hysterie, die Deutschlands Beharren auf der marokkanischen Souveränität in England hervorrief, steht, verwundert nicht, gibt es zwei Arten Geschäfte zu machen: die im Rahmen von Konventionen und solche, die auf Konventionen verzichten. Großbritannien - stolz auf seine Magna Charta - wirft zuweilen die Regeln, die erfunden zu haben es sich rühmt, über den Haufen, um mit neuen Regeln, Regelverstöße anderer sanktionieren zu können, wenn auch nur zum eigenen Vorteil.

Und so strahlte England bei der Verletzung der marokkanischen Souveränität und bei der Verteidigung der belgischen Souveränität, weil es letztere tatsächlich nicht mehr gab. Erste Zweifel entstanden, nachdem deutsche Soldaten in Belgien Versorgungslager der britischen Armee ausfindig machten, die, lange vor Kriegsbeginn angelegt worden waren [ 1].

Der belgische König Leopold II. hatte die Neutralität Belgiens gegen die britische Erlaubnis, den Kongo-Freistaat zu übernehmen, verkauft [ 2]. 1906 fanden Gespräche über eine militärische Kooperation Belgiens mit Großbritannien, für den Fall eines Krieges mit Deutschland, statt [ 3]. In diesbezüglichen belgischen Dokumenten gelten Frankreich und Großbritannien als verbündet und Deutschland als Feind [ 4]. Detaillierte Pläne zur Landung britischer Truppen waren ausgearbeitet worden [ 5]. Der französische Marschall Joffre 1919: „Wir rechneten mit sechs englischen Divisionen und mit der belgischen Unterstützung.” Es war also eine sonderbare Art neutralen Verhaltens. „Seiner Majestät [Georgs] Regierung fühlt sich verpflichtet alle in ihrer Macht stehenden Mittel zur Aufrechterhaltung der belgischen Neutralität einzusetzen.” So das Ultimatum der britischen Regierung.

Britisches Ultimatum und Kriegserklärung vom 4.8.1914.

Bevor man nicht in der Zeitung nachlesen kann, was man mit eigenen Augen gesehen hat, glaubt man seinen Augen nicht. Und die Zeitung gehörte Pearson oder Northcliffe. Mitarbeiter des letzteren wirkten im Dienste des Königs und einiger Barone, in inoffizieller diplomatischer Mission, einen Weltkrieg zur Verteidigung des Imperiums vorzubereiten, ohne daß die potentiellen Opfer Ihrer Majestäts Regierung über die Vorgänge durch die Zeitungen Northcliffes oder Pearsons informiert worden wären [ 6].

Chamberlain sagte, allerdings erst 1922, im Unterhaus, daß seiner Ansicht nach Belgien nicht der Grund zum Eintritt in den Krieg liefern konnte, sondern die Gefährdung Großbritanniens, die gegeben sei, wenn die südliche Kanalküste von einem feindlichen Staat beherrscht werden sollte (vgl. auch die brit-frz. Marine-Konvention [ 7]). Der Krieg gehe in Ordnung. Ein Fehler war es, nach Chamberlain, das Parlament hinsichtlich des Kriegsgrundes zu belügen. Würde das Parlament über die Umstände des Kriegseintrittes informiert worden sein, hätte der Krieg wahrscheinlich vermieden werden können [ 8].

So zog Großbritannien in den Krieg, um Grey vor der Blamage zu bewahren, Frankreich Versprechungen (die Marine Großbritanniens verteidigt die französische Kanal- und Atlantikküste [ 9]) gemacht zu haben, die er nicht hätte abgeben dürfen. Grey hatte vor dem Parlament wiederholt bestritten, irgendwelche Vereinbarungen auch in nicht schriftlicher Form getroffen zu haben, die Großbritannien an übernommene Verpflichtungen binde [10]. Niemand hätte Frankreich daran gehindert, seine Schiffe aus dem Mittelmeer an die Kanalküste und die Atlantikküste zu verlegen.

Verhandlungspraktiken —
die jeder Konstitution spotten

Der Politikstil des Foreign Office, jenseits konstititioneller Festlegungen, lieferte die Voraussetzung zu einer Politik, die das Licht zurecht scheuen mußte und blieb Freund und Feind gegenüber derselbe. Man hätte gewarnt sein können.

Kaiser Wilhelm II. schildert eine Episode von Anfang 1912. Großbritannien versuchte den Ausbau der Kaiserlichen Marine zu ver­hindern [11]:
»Am Vomittag des 29. Januar 1912 ließ sich im Schloß zu Berlin Herr Ballin bei mir anmelden und um Audienz bitten. Ich nahm an, daß es sich um eine nachträgliche Geburtstagsgratulation handeln werde. Ich war daher nicht wenig erstaunt, als Ballin nach kurzem Glückwunsch mir meldete, daß er als Abgesandter von Sir Ernest Cassel erschienen sei, der in besonderer Mission soeben in Berlin eingetroffen sei und um Empfang bäte. Ich fragte, ob es sich um eine politische Sendung handle, und, wenn das der Fall sei, warum nicht der englische Botschafter die Audienz vermittle. Aus Ballins Antwort ging hervor, daß die Angelegenheit nach Andeutungen Cassels sehr wichtig zu sein scheine, die Umgehung des Botschafters aber dadurch zu erklären sei, daß man in London den besonderen Wunsch ausge­sprochen habe, die amtlichen diplomatischen Stellen mit der Angelegenheit nicht zu befassen, weder die englischen noch die deutschen. Ich erklärte mich zum sofortigen Empfang bereit, fügte aber hinzu, daß ich, falls Cassels Auftrag auf Fragen der Politik Bezug haben sollten, als konstitutioneller Herrscher sogleich den Kanzler hinzuziehen würde, da ich nicht in der Lage sei, allein ohne den Kanzler mit dem Vertreter einer fremden Macht zu verhandeln. Ballin holte Cassel herbei...«
[...]
»Er überreichte ein Angebot der englischen Regierung in kommenden kriegerischen Verwicklungen ihre Neutralität zu wahren gegen Abmachungen über Beschränkungen in unserem Schiffbau. Und dies geschah seitens Englands, des Mutterlandes des „Konstitut­ionalismus”! Ballin sagte, als ich ihn hierauf hinwies: „Heiliger Konstitut­ionalismus! Wo bist du hin? Das ist ja ‚personal politics, with a vengeance *)’!«
 
*) deutsch: ‚persönliche Politik in höchster Potenz’

 

Am 1. August 1914 11 Uhr telegraphierte der deutsche Botschafter in London, Fürst Lichnowsky, an das Auswärtige Amt, Grey habe ihn angerufen und gefragt, „ob er glaubte erklären zu können, daß für den Fall, daß Frankreich neutral bliebe, wir in einem deutsch-russischem Kriege die Franzosen nicht angriffen.” Kaiser Wilhelm II. höchstselbst befahl daraufhin die Kriegshandlungen gegen Frankreich nicht vor dem 3. August zu beginnen, um Zeit zu haben, die in Aussicht gestellte Hoffnung, auf eine französische Neutralität, ausloten zu können [12]. Der Kaiser telegraphierte nach London: „Deutschland ist bereit, auf den englischen Vorschlag einzugehen, falls sich England mit seiner Streitmacht für die unbedingte Neutralität Frankreichs im deutsch-russischem Konflikt verbürgt …[13].” Kurz darauf kam die Meldung, daß Grey mißverstanden worden sei. Um ½6 Uhr abends berichtet Lichnowsky von einem Gespräch mit Grey über die belgische Neutralität. Jagow:„Die Frage des Botschafters, ob er unter der Bedingung, daß Deutschland die belgische Neutralität wahrte, eine bestimmte Erklärung über die Neutralität Englands abgeben könne, verneint der Minister [14].”

Mit anderen Worten:

Wenn Großbritannien seine Neutralität im sich abzeichnenden Krieg erklärt hätte, würde das Deutsche Reich die Neutralität Belgiens nicht verletzt haben.

Kaiser Wilhelm II. Randnotiz auf dem Tele­gramm mit der brit. Absage (4.8.1914) [15]:

„Mein Eindruck ist der, daß Herr Grey ein falscher Hund ist, der Angst vor seiner eigenen Gemeinheit und falschen Politik hat, aber nicht offen Stellung gegen uns nehmen will, sondern durch uns dazu gezwungen werden will.”

Hier irrte der Kaiser insofern es Churchill war der Grey, durch die unautorisierte Mobilmachung der Flotte dazu zwang, Stellung zu beziehen.

Chamberlain am 2. August [16]:
„Unterdessen hatte Churchill aus eigener Machtvollkommenheit die Flotte mobil gemacht. Letzten Mittwoch bereits hatten alle Schiffe von Portsmouth aus während der Nacht den Kanal durchfahren — ‚fünfund­zwanzig Meilen Schiff’ war Winston Churchills Ausdruck —, ohne daß darüber ein Wort in die Zeitungen gedrungen war.”

Dramatisch auch die Worte des deutschen Kanzlers Bethmann Hollweg bei der Entgegennahme des britischen Ultimatums. Der brit. Botschafter Goschen berichtete an Grey am 4. August 1914:

»… Meine Unterredung mit dem Kanzler war sehr peinlich. Er bemerkte, er könne es nur als unerträglich empfinden, daß, weil die Deutschen den einzig für sie möglichen Weg einschlagen um das Reich vor Unheil zu bewahren, England just wegen der Neutralität Belgiens über sie herfalle.… Ich fragte ihn, ob er nicht verstehen könne, daß wir ehrenhalber verpflichtet seien, unser Bestes zum Schutze einer Neutralität zu tun, die wir garantiert hätten. Er entgegnete:
‚Aber um welchen Preis!’«

Peinlich für Goschen war, daß Bethmann Hollweg um die Verlogenheit des britischen Kriegsgrundes wußte. Ob Goschen wußte, daß er in unverschämter Weise dem deutschen Kanzler eine Lüge auftischte und ihn auf sublime Weise demütigte, ändert nichts an dem Eindruck, den die englische Politik hinterließ.

Gladstone hatte 1870 den Vertrag zur Garantie der belgischen Neutralität von 1839 durch einen neuen Vertrag ersetzt, dessen Laufzeit nach drei Jahren endete.

Gladstone damals [17]:
…Ich bin nicht imstande, mich der Anschauung anzuschließen, wonach die einfache Tatsache der Existenz einer Garantie jede daran beteiligte Partei bindet, ohne jede Rücksicht auf die besondere Lage, in welcher sie sich in jedem Zeitpunkt finden mag, indem es darauf ankommt, entsprechend der übernommenen Garantie zu handeln. Die großen Autoritäten auf dem Gebiet der äußeren Politik, auf die zu hören ich gewohnt bin, wie Lord Aberdeen und Lord Palmerston, haben soweit meine Kenntnis reicht, niemals dieser strengen, und, ich wage zu sagen, unpraktischen Auffassung von Garantien gehuldigt.”

Am 4.2.1887 hatte der der brit. Regierung nahe­stehende Standard sogar die Meinung vertreten: „…in einem deutsch-französischem Kriege sei gegen die Inanspruchnahme eines Wegerechts durch Belgien seitens Deutschlands nichts einzuwenden [18]”.

Die Kriegspartei in Großbritannien hatte die demokratischen Instanzen durch die Bildung eines der demokratischen Kontrolle entzogenen Zirkels, dessen zentrale Instanz das Committee of Imperial Defence (CID) war, um die Rüstungs­politik, Außenpolitik, die Führung der Armee und Marine sowie die Propaganda unabhängig von Kabinett und Parlament zu betreiben, so daß erst mit der Kriegserklärung an Deutschland das Kabinett auseinanderflog.

Die Spatzen pfiffen es von den Dächern.

Daß das Auswärige Amt in gleicher Weise getäuscht wurde, wie die britische Öffentlichkeit kann bezweifelt werden.

Es läßt sich nicht alles unter der Decke halten. Auch nicht in England und so wurde die Rolle die der Times-Korrespondent Charles Repington im brit. Unterhaus am 5. März 1912 zum Thema. Repington hatte an den Verhandlungen über eine militärische Kooperation der britischen und französischen Armeen teilgenommen. Im Parlament tauchte der Gedanke auf, daß dieser Gentleman nicht immer das schriebe, was seiner Ansicht nach tatsächlich die Wahrheit war [19]. Doch wer hätte diesem Skandal die entsprechende Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit verschaffen wollen?

Die gemeinsamen britisch-französischen Kriegsvor­bereitungen und die Rolle die Belgien in den Planungen der Allianz der Herzen spielte, waren zu wichtig, um das gemeine Wahlvolk und seine parlamentarischen Vertreter damit zu belästigen. Aber auch gekrönte Häupter halfen dem deutschen Auswärtigen Amt sich zu orientieren.

Bericht des deutsche Militärattachés in Brüssel vom 7. Mai 1914: [20]:
„Ich habe dem König der Belgier gesagt, daß in deutschen militärischen Kreisen leider mehr als hoffentlich der Wahrheit entspräche, mit einer deutschfeindlichen Haltung Belgiens im Kriegsfalle gerechnet würde, und da man im besonderen der Ansicht sei, daß größere Bahnzerstörungen, auch auf belgischem Gebiet, bei Beginn eines deutsch-französischen Kriegs als eine feindliche Haltung angesehen werden müßten. Der König sagte darauf sehr lebhaft: Ich weiß, was sie mit der sofortigen Bedroh­ung meinen. Sie sind sehr gut orientiert. Es ist bestimmt richtig, daß die Franzosen früher einen Handstreich auf Namur im Moment des Kriegsbeginns geplant haben. Aber ich weiß auch sicher, daß dieser Plan vor kurzem geändert worden ist, wie ich vermute, in­folge der belgischen Heeres­reform. Jetzt spionieren sie wieder mehr im Semois-Tal herum, wie wir sehr genau wissen. Ich habe auch sehr gut verstanden, was mir der General von Moltke in Potsdam gesagt hat und was Sie mir wiederholen. Auch ich halte die französische Gefahr für die größte und mit mir der Adel und die große Mehrheit der klerikalen Partei.”

Man kann sich vorstellen, daß der König der Belgier nicht glücklich in der ihm auferlegten Lage war und man muß sich fragen, wie souverän der Souverän war, wenn er mit Frankreich zusammenspannen mußte. Er war nicht der einzige, der seine Ansicht zur drohenden Kriegsgefahr und von wem sie ausging, äußerte.

Fröhlicher schienen die beiden Großfürstinnen aus Montenegro, während eines Festessen in St. Petersburg, um die Aufmerksamkeit des anwesenden Botschafters aus Frankreich Paléologue zu buhlen. Eitelkeit - und sie findet sich nicht nur in Montenegro - ist bisweilen von mitteilsamem Charakter.

Tischgespräch vom 22.07.1914 [21]:
„Ich habe heute von meinem Vater ein Telegramm in Chiffreschrift erhalten: er teilt mir mit, daß wir vor dem Ende des Monats Krieg haben werden... Der Krieg wird gleich ausbrechen ... Von Österreich wird nichts übrig bleiben... Ihr werdet Elsaß-Lothringen wiedernehmen... Unsere Armeen werden einander in Berlin begegnen... Deutschland wird vernichtet...”
 
Die montenegrinischen Großfürstinnen Anastasia und Militza in einem Gespräch mit dem französischen Botschafter Paléologue bei einem Festessen in St. Petersburg.

Grey und seine Mannen veranstalteten ein ausge­feiltes Theater, um Zeit zu schinden, bis die Franzosen ihre Armeen in Stellung gebracht hatten. Der deutschen Regierung konnte der Sirenengesang Greys egal sein. Sie griff nach jedem Strohhalm der sich bot, um den Frieden, selbst bei Inkaufnahme eigener, strategischer Nachteile, zu bewahren.

Der Krieg war über viele Jahre hinweg vorbereitet worden. Am 23. August 1911 trafen die Mitglieder des Committee of Imperial Defence (Asquith, Grey, Haldane, Lloyd George sowie die Stabschefs) den Entschluß, daß Großbritannien, für den Fall eines deutsch-französischen Krieges sich mit einem Expeditionskorps an dem Krieg auf Seiten Frankreichs beteiligt. Nicht zu dieser Veranstaltung geladen waren die Ehrenwerten Morley, Crewe, Harcourt und Esher [22].

Und schon 1912, während der Marokkokrise, stand eine Landung britischer Truppen in Belgien auf der Tagesordnung. Damals, am 23. April sagte der britische Militärattachés in Brüssel Oberstleutnant Bridges dem belgischen General Jungbluth, daß die Engländer ihre Truppen unter allen Umständen, d.h. auch gegen den Willen Belgiens, dort ausschiffen würden [23].
Nicht nur, daß der ranghöhere General dupiert wurde, Belgiens Souveränität galt den Engländern nichts, wenn auch nur solange, bis Deutschland aufgrund der französischen Bedrohung ein Durchmarschrecht für seine Armee forderte [24].

Nicht nur Belgien, auch die britischen Eisenbahner mußten spuren:

Austen Chamberlain notierte am 12.10.1911, [25] daß zur Beendigung eines Eisenbahnerstreiks Asquith, Haldane, Churchill und Lloyd George den Eisenbahnervertretern ein Telegramm der französischen Regierung präsentierte, nachdem die Franzosen den versprochenen Einsatz des englischen Expeditionskorps binnen zehn oder vierzehn Tagen erwarte Zitat.

Für die Nachwelt veröffentlichte Sir Edward Grey rückblickend 1925 seine vorausschauenden Gedanken Minuten vorm Kriegseintritt [26]:

„In ganz Europa gehen die Lichter aus;
wir werden es nicht mehr erleben, daß sie wieder angezündet werden.”

Kann's einen besseren Filmschluß geben? Zurück zur Wirklichkeit: Die geplante Stärke des britischen Expeditionskorps betrug 160.000 Mann. Tatsächlich starben 1 Mio. britische Soldaten.

Quellen:
 
[ 1] Kaiser Wilhelm II., Ereignisse und Gestalten, Wolfenbüttel 2012, Nachdruck der Ausgabe von 1922, S. 218
[ 2] Fuehr, Alexander, The Neutrality of Belgium, New York London 1915, S. 72
[ 3] Jagow, Gottlieb von, Ursachen und Ausbruch des Weltkrieges, Berlin 1919, S. 157
[ 4] Posonby, Arthur, Falsehood in Wartime, London 1940, S. 53
[ 5] Brentano, Lujo, Die Urheber des Weltkrieges, Barsinghausen 2012, S. 97
[ 6] Jagow, Gottlieb von, a.a.O., S. 90
[ 7] ebd., S. 86
[ 8] Posonby, Arthur, a.a.O., S. 42
[ 9] Clark, Christopher, Die Schlafwandler, München 2013, S. 695
[10] Jagow, Gottlieb von, a.a.O., S. 88
[11] Kaiser Wilhelm II., a.a.O., S. 123f
[12] Jagow, Gottlieb von, a.a.O., S. 158f
[13] Beer, Max, Die europäischen Kriegsverhandlungen, Bern 1915, S. 338f
[14] Clark, Christopher, a.a.O., S. 680
[15] Geiss, Imanuel, Julikrise und Kriegsausbruch, Hannover 1964, S. 347
[16] Austen, Chamberlain, Englische Politik, Essen 1938, S. 600
[17] Brentano, Lujo, a.a.O., S. 99
[18] ebd., S. 100
[19] Hansard, House of Commons, Debatte vom 5. März 1912, Bd. 35, cc205-76
[20] a.a.O., S. 95
[21] Geiss, Imanuel, Julikrise und Kriegsausbruch 1914, Bd. 2, Hannover 1964. Zitiert nach: Der erste Weltkrieg in Bildern und Dokumenten, Hrg.: Hans Dollinger, München 1965, S.35
[22] Clark, Christopher, a.a.O., S. 279
[23] Brentano, Lujo, a.a.O., S. 101
[24] ebd., S. 96
[25] Austen, Chamberlain, a.a.O., S. 348f
[26] Grey, Edward, Twenty-Five Years 1892-1916, Bd. 2, New York 1925, S. 20

zurück