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Serbien oder: Wie der Krieg begann.

Zu Beginn des 19. Jhdts. erkämpften sich die Serben über viele Jahre hinweg die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich.

Die Vorgeschichte.

1804
...gelang es dem Viehhirten Kara Djordje Petrović (dem schwarzen Georg) die Osmanen erstmals zu vertreiben.
1813
Die Türken erlangten die Kontrolle über Serbien zurück. Kara Djordje floh nach Österreich.
1815
.Milos Obrenović gelang es durch einen zweiten Aufstand den Osmanen eine Teilautonomie abzuringen. Kara Djordje kam zurück und wurde von Milos Obrenović ermordet. Zur Belohnung erhielt Obrenović den Titel eines Fürsten und Kara Djordje wurde zum Begründer des Karadjordjević-Geschlechts.
1842
Die Anhängern von Alexander Karadjordjević vertreiben die Obrenovićs. Alexander besteigt den Thron.
1858
Die Anhängern von Mihailo Obrenović vertreiben Alexander.
1860
Mihailo Obrenovićs wird zum Fürsten von Serbien gewählt.
1867
Mihailo Obrenovićs verhandelt mit Montenegro und Rumänien über die Gründung eines gemeinsamen südslawischen Staates. Entsprechende Verträge mit Griechenland und Bulgarien sind schon unterzeichnet.
1868
Mihailo Obrenovićs wird ermordet [1]. Sein 12 jähriger Neffe Milan Obrenovićs wird sein Nachfolger.
1870/71
Der spätere serbische König Peter I. Karadordević nimmt auf Seiten der Franzosen am Deutsch-Französischen Krieg teil.
1874
Der liberale Serbe Ristic rüstet mit den Waffen, die der Belgrader Bankier Hadŝi Toma mit dem Geld der serbischen Regierung kaufte, eine in Herzegowina operierende Terroreinheit aus.
1876
...kommt es zu einem Aufstand in Bosnien an dem auch der von den Türken finanzierte Peter Karadordević insoweit teilnimmt, als er Milan am Einmarsch in Bosnien hindern soll [2]
1878
Auf Beschluss des Berliner Kongresses wird Bosnien-Herzegowina unter die Verwaltung Österreich-Ungarns gestellt.
1881
trafen Serbien und Österreich-Ungarn in einem geheimen Abkommen die Vereinbarung, daß Österreich-Ungarn Milans Krönung zum König sowie Serbiens Anspruch auf das Wardatal und Westmazedonien unterstütze [3].
1882
...machte sich Milan zum König und Serbien wurde Königreich.
1883
...gab es einen Bauernaufstand an dem sich die Radikale Partei beteiligte. Der Aufstand scheiterte und der daran beteiligte Nikolai Pasić floh nach Rußland, kehrte aber nach seiner Begnadigung 1889 zurück und landete kurze Zeit später im Gefängnis.
1885
...begann Serbien einen Krieg gegen Bulgarien. Der Krieg wurde verloren und Österreich-Ungarn sorgte auf diplomatischem Weg dafür, daß diese Niederlage ohne größere Folgen blieb [3].
1889
...dankte Milan – in der Hoffnung seine Privatsekretärin ehelichen zu können – ab, regierte aber hinter den Kulissen weiter. Formell wurde sein Sohn Alexander König.
1899
...wurde ein Anschlag auf Milan verübt. Der hinter Gittern sitzende Pasić wurde mitverantwortlich gemacht und zum Tode verurteilt. Daß er nicht hingerichtet wurde verdankt er der Intervention Österreich-Ungarns [4]. König Alexander heiratete eine 10 Jahre ältere Frau von der sein Innenminister Djordje Genćić sagte: »Sie war die Mätresse von allen und jedem – auch meine.« Vater Milan wurde schlecht, ging im Jahre 1900 nach Österreich, wo er 1901 starb [5].
1903
Alexander wurde größenwahnsinnig und provozierte damit den Aufbau eines sich zu seinem Sturz gründenden Netzwerkes von Königsmördern. 1903 wurde König Alexander samt Königin auf bestialische Weise ermordet. Peter I. Karadordević wurde 1903 von der serbischen Nationalversammlung zum König proklamiert. Unter dem neuen König ging die Macht an die parlamentarisch gestützte Regierung über [6].

Das war der erste Ball in einem Spiel, zu dem die Ermordung des öster­reichischen Thronfolgers Franz Ferdinand nur den Startschuß lieferte. Würde das Attentat nicht erfolgt sein, andere Gelegenheiten, einen Krieg vom Zaun zu brechen, hätten sich gefunden.

Die Mächte formatieren sich.


Nach dem Tod der englischen Königin Victoria 1901 ändert sich die Aus­richtung der englischen Politik. 1902 strebte Großbritannien das Bündnis mit Frankreich an. Voraussetzung war ein Interessenausgleich um die Herrschaft in Nordafrika. Ebenfalls 1902 kam es zu einem, unter Hinzu­ziehung Groß­britanniens abgeschlossenen, Französisch-Italienisches Geheimabkommen zur Aufteilung Nordafrikas: Libyen ging an Italien, Marokko an Frankreich! 1904 wurde mit der Entente das britisch-französische Bündnis besiegelt.

1907 besetzten die Franzosen Casablanca, 1911 Fès und Rabat [7]. 1912 ist Marokko wie verabredet teils französische teils spanische Kolonie. Anfang 1911 beginnt Italien seinen Krieg gegen das Osmanische Reich, nachdem es sich wiederholt bei den Engländern rückversichert hat [8] [9].

Was Rußland anbelangt, so hilft ein Blick auf die ausländischen Beteiligungen an den Petersburger Großbanken, um dessen wichtigsten Alliierten am Beginn des 20. Jhdts. zu bestimmen...

»Die ganze „Machtbilanz“ der Petersburger Großbanken schätzt der Verfasser [von Großbanken und Weltmarkt: E. Agahd] auf 8.235 Millionen Rubel oder nahezu 8¼ Milliarden; dabei verteilt er die „Beteiligung“ oder richtiger die Herrschaft der ausländischen Banken folgendermaßen: die französischen Banken 55%, die englischen 10%, die deutschen 35%. Von der Summe des funktionierenden Kapitals in Höhe von 8.235 Millionen entfallen 3.687 Millionen, d.h. mehr als 40%, laut Berechnung des Verfassers auf die Syndikate Produgol und Prodamet sowie auf die Syndikate der Erdöl-, metallurgischen und Zementindustrie. Die Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital, im Zusammenhang mit der Bildung kapitalistischer Monopole, hat also auch in Rußland enorme Fortschritte gemacht [43]

  ...es war Frankreich und das mit ihm verbündete England.

Auf dem Weg Englands zum Bündnis mit Rußland mußten die in China und der Region Persien-Afghanistan miteinander rivalisierenden Russen und Briten zu einem Interessenausgleich gelangen.

zu China: 1902 schloß England mit Japan ein Bündnis und ermunterte Japan 1904 (-1905) die russisch besetzten Gebiete Chinas militärisch anzugreifen. Rußland verlor diesen Krieg mit Pauken und Trompeten. Das Zarenreich war dermaßen geschwächt, daß 1905 eine bürgerliche Revolution ausbrach, deren Protagonisten nicht alle die russischen Interessen verfolgten.

zu Afghanistan: Nikolai Hartwig, zur passenden Zeit russischer Botschafter in Teheran, sorgte dafür daß, der Streit um Afghanistan und Persien beigelegt wurde [10].

Damit war 1907 der Weg zur Tripple Entente gebahnt [11].

Serbien wechselt auf die französische Seite.

Im September 1904 gehen – in enger Abstimmung mit Rußland – Serbien und Bulgarien einen geheimen Freundschafts- und Bündnisvertrag ein [12].
Ende 1905 steht Österreich-Ungarn in Verhandlungen mit Serbien zum Ab­schluß eines neuen Handelsvertrages, in dem es nicht zuletzt darum ging, Serbien das Geld zu leihen, dessen es bedurfte, um in Österreich-Ungarn Waf­fen zu kaufen. In diesem Moment veröffentlicht Bulgarien das bis dahin ge­heim­gehaltene Abkommen einer sogenannten Zollunion zwischen Bulgarien und Serbien, sprengt den Weg für die Franzosen frei, die zu diesem Zeitpunkt Rußland bereits in eine starke finanzielle Abhängigkeit gebracht hatten (Krieg gegen Japan…) [13] [14] wodurch das deutsch-österreichische Verhältnis belastet wurde, da das Deutsche Reich noch vor Bekanntgabe der Zollunion seinen Handelsvertrag mit Serbien unterschrieben hatte.
1906 geht der erste einer Reihe französischer Kredite, zum Kauf französischer Waf­fen, an Serbien. Bis Ende 1918 wird Frankreich ¾ aller serbischen Ver­bind­lichkeiten halten [15] [16].

Die großen Investoren.

Bis hierhin läßt sich alles als Feindseligkeit der verschiedenen Nationen untereinander oder ihrer Regenten begreifen, wobei ausgerechnet Kaiser Wilhelm II. und Kaiser* Nikolaus II. zueinander eher freundschaftliche Beziehungen unterhielten. Doch die gebündelte Macht von Banken und Schwerindustrie war längst dabei, die nationalen Fesseln abzustreifen. Die ‘internationale Gemeinschaft’ - in wechselnder Zusammensetzung - zwang Staaten, wie China, Venezuela, Serbien, das Osmanische Reich und wir werden es am Ende des Krieges 1918 sehen noch ganz andere Staaten in die Schuldenfalle.

* In Rußland wurden die Begriffe Kaiser und Zar ähnlich verwendet wie in Deutschland Kaiser und König. Ein Kaiser herrscht über ein Imperium ein König über ein Land.

Im US-amerikanischen Bürgerkrieg mußten die Amerikaner zusehen, wie europäische Banken durch Kreditvergabe an die Kriegsparteien verdienten und man wollte fortan keines andern Schuldner sein. Mit der Geldknappheit 1906 kam die große Stunde des J. P. Morgan, der sich in der Krise 1907 zum Jupiter des US-amerikanischen Finanzmarktes erhob. Mit von der Partie war John D. Rockefeller. Beide agierten als als Reservebank und entschieden so über Wohl und Wehe der amerikanischen Unternehmen.

Hängen blieb an den Geldmagnaten, die 1913 die Federal Reserve Bank der USA ins Leben riefen, Stahl und Öl. Glück, da zu der Zeit ein Kriegs­schiff entwickelt wurde, das keinen Gegner zu fürchten brauchte, die Dreadnought-Klasse, das hieß: eine Ölfeuerung erlaubte es, sehr große Schiffe, mit viel Munition für seine reichweitenstarken Geschützen in einer Geschwindigkeit durch das Schlachtgebiet zu jagen, die dem Gegner nicht einmal die Flucht erlaubte — dachte man.

Die US-Navy brauchte Geld für Öl und viel Stahl. Es profitierten J. P. Morgan (Geld und Stahl) und John D. Rockefellers (Geld und Öl). Noch heute wird ihr selbstloser Einsatz mit ‘eigenem’ Geld die Krise von 1907 abge­wendet zu haben gelobt. Nicht nur [42]: »Die Daten legen nahe, daß viele der Rettungs­bemühungen J. P. Morgans möglicher­weise im eigenen Interesse erfolgten.«

Doch wozu braucht man eine Navy?

Rußlands Traum vom Süden.

Im Osmanischen-Reich sorgt 1908 eine Revolution der Jungtürken für die Wiedereinführung der Verfassung von 1876. Die somit anstehenden demo­kratischen Wahlen legitimierten den Verbleib Bosnien-Herzegowinas im Osmanischen Reich [17]. Um das zu verhindern annektiert Österreich-Ungarn das seit 1878 von ihm verwaltete Gebiet nach geheimer Absprache mit Rußland an die Bülow Rußland 1909 erinnern mußte, da man dies dort über alle Empörung hinweg ganz vergessen hatte [18] [41]. Zeitgleich löst sich das unter russischem Einfluß stehende Bulgarien, vom Osmanischen Reich.
Da Rußland ohne Gesichtsverlust Serbien in seinem Anspruch auf Bosnien offiziell nicht unterstützen konnte, mußte Serbien auf russischem Druck hin seine Politik gegenüber Österreich-Ungarn mäßigen.

Im Verborgenen betreibt Rußland die Bildung eines gegen die Türkei gerichteten Balkanbundes [19] [20] und entsendet Nikolai Hartwig als Boschafter nach Belgrad. Hartwigs Mann in Sofia war der serbische Botschafter Miroslaw Spalajkow, sein Mann in Belgrad der Regierungschef Pasić [21]. Am 13. März 1912 kommt es zum Balkanbund [22] [23] [24].


Ab 1911 verbessern sich die Beziehungen Serbiens zu Österreich-Ungarn. Der Schweinekrieg wird beendet, die Handelsbeziehungen intensiviert. Im Gegenzug radikalisieren und organisieren sich einige Militärs, Beamte und andere Nationalisten im Untergrund und gründeten am 3.3.1911 die Ujedinjenje ili smrt [Vereinigung oder Tod] besser bekannt als Schwarze Hand [25] [26].

Der Generalstabsoffizier des britischen Kriegsministeriums im serbischen Hauptquartier General Thomson [27]:

»Paschitsch hielt sich, wie fast alle Balkan-Politiker, nur im Amte, indem er sich Mächten unterwarf, die unabhängig von der Regierung waren. Die auswärtige Politik Serbiens wurde von dem russischen Gesandten Hartwig diktiert… Serbiens innere Angelegenheiten lagen in der Gewalt von Fraktionen und Geheimgesellschaften, deren einflußreichste die „Schwarze Hand“ war; unter ihren Mitgliedern befanden sich einige der befähigsten Köpfe des Landes von ganz unzweifelhafter Vaterlandsliebe, die aber alle die Laster ihrer Tugenden hatten… In ihren Augen war es staatsmännische Kunst, dem ausschweifenden Appetit unwissender und kurzsichtiger, vom Erfolg berauschter Männer frei die Zügel schießen zu lassen«.

Der Balkankrieg.

Ende 1912 greift Bulgarien osmanische Stellungen auf dem Balkan an. Montenegro, Serbien und Griechenland beteiligen sich am Krieg.

Zu Beginn des Krieges befiel die Tripple Entente die Angst, Serbien könne ihre Pläne durcheinander bringen. Ein Versuch Serbiens sich den ersehnten Zugang zum Meer zu verschaffen, würde den großen Krieg zu früh ausgelöst haben.

Der russische Außenminister Sasanow (Rußland ) an den russischen Botschafter in London [28]:

»Weder wir, noch die uns befreundeten Mächte können zulassen, daß die Entscheidung bezüglich eines europäischen Krieges der serbischen Regierung überlassen bleibt«.

In dieser Situation mobilisiert Österreich sein Heer. Frankreich (Poincaré) bedrängt Rußland Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Rußland teilt Frankreich mit, zur Zeit keine Gefahr eines großen Krieges erkennen zu können. Östereich werde Serbien angreifen, Deutschland würde ihm zu Hilfe kommen und Rußland müsse die deutschen Truppen an seiner Grenze binden, damit Frankreich nicht unnötig belastet werde.

Frankreich lamentiert weiter und zeigt sich empört über die Äußerung des russischen Verteidigungsministers de la Guiche, der wegen Serbien keinen Krieg gegen Österreich führen wollte. Schließlich beruhigt Rußland (Iswolski) die Nerven Poincarés [29]:

»Etwa 350 000 Reservisten sind unter den Waffen zurückbehalten, etwa 80 Mio. Rubel sind für außerordentliche Bedürfnisse des Heeres und der Ostseeflotte angewiesen, einige Truppenteile des Kiewer Militärbezirkes sind näher an die Österreichische Grenze gebracht und eine ganze Reihe anderer Maßnahmen ist verwirklicht worden«

Ende Dezember 1912 zeigt sich die Tripple Entente empört, als Serbien die Frechheit besaß mit Österreich eigenständige Verhandlungen zu führen.
Der russische Gesandte Hartwig an den russischen Botschafter in London [30]:

»In Verfolg des Iswolskischen Telegramms habe ich Passitsch sofort ernstlich auf die Gefahr zu offenen Rücksprachen mit Wien aufmerksam gemacht, sowie darauf, daß schon zum Gerücht einer Sonderverständigung mit Österreich geführt hätten .«

Im Laufe des Balkankrieges besetzten die Serben Gebiete, die gemäß Bündnisvertrag Bulgarien zustanden. Der ehrliche Makler Rußland, der laut Vertrag den Streit zu schlichten hätte, tat das Gegenteil: Nicht schlichten, die Spannungen fördern und Hartwig ließ Pasic wissen: Abwarten bis die Bulgaren schießen [31].

„Sobald Hartwig im Amt war,… setzte er alles daran, Belgrad zu einer agres­siveren Einstellung gegen Wien zu bewegen [32].“ In einem Brief an die russische Regierung schreibt er am 6.5.1913 [2] [33]:

»Bei diesem uns von allen Slawenvölkern sympathischsten Volke bildet sich anscheinend die Meinung heraus, daß es vom Schicksal verfolgt sei, daß sich Rußland ihm gegenüber teilnahmslos verhalte usw. Eine solche Stimmung ist äußerst gefährlich, und ich bitte Sie, Ihren ganzen Einfluß auf die serbische Regierung und die öffentliche Meinung anzuwenden, um sie zu zerstreuen…
…Serbiens verheißenes Land liegt im Gebiet des heutigen Österreich-Ungarn und nicht dort, wohin es jetzt strebt, und wo auf seinem Wege die Bulgaren stehen.
Unter diesen Umständen ist es ein Lebensinteresse Serbiens, einerseits die Bundesgenossenschaft mit Bulgarien zu erhalten, und andererseits sich in zäher und geduldiger Arbeit in den erforderlichen Grad der Bereitschaft für den in der Zukunft unausweichlichen Kampf zu versetzen .«

1913 greift Bulgarien Serbien an. In diesem 2. Balkankrieg wird Serbien vom Osmanischen Reich, Griechenland und Rumänien unterstützt. Der serbische Diplomat Gavrilowitsch im Sommer 1913 [2] [34]:

»Wir sind die Franzosen des Balkans, wie die Bulgaren seine Preußen sind. Wie wir die Bulgaren geschlagen haben, so wird Frankreich die Deutschen besiegen. An dem Tag, an dem Ihr gegen den gemeinsamen Feind marschieren werdet, um Elsaß zurückzufordern, fallen wir in Bosnien ein. Wir werden Österreich an der Gurgel packen, wenn Frankreich und Rußland wollen, marschieren wir schon morgen!«

Wer lange zündelt…

1914 wird der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand erschossen. Der eigenwillige Franz Ferdinand strebte danach aus der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn einen Staatenverbund zu entwickeln, in dem die Serben analog den Ungarn eine Teilautonomie erhalten sollten (Triaspläne) [35]. Man erschoß also den Mann, der am ehesten in der Lage gewesen wäre, den Streit im Vielvölkerstaat zu schlichten und nicht den österreichischen Kriegstreiber Frhr. Conrad v. Hötzendorf. Nicht auszudenken, wenn der Thronfolger den Krieg sabotiert haben würde.


Am 22. Juli 1914 ergeht ein Österreichisch-Ungarisches Ultimatum an Serbien. Serbien sollte die Narodna Odbrana (die „Schwarze Hand“) verbieten, die gegen den Bestand Österreich-Ungarns gerichtete Kriegstreiberei und Propaganda unterlassen, in enger Zusammenarbeit mit Österreichisch-Ungarischen Stellen den Waffenschmuggel an der Grenze unterbinden, Offiziere, die eine gegen Österreich-Ungarn gerichtete Propaganda betreiben aus der Armee entlassen, und die der Unterstützung des Attentats Verdächtigen Major Voija Takositsch und Milan Ciganovitsch verhaften [36].

Die Antwort Serbiens entspricht Greys Telegramm vom 24. Juli 1914 an den brit. Geschäftsträger in Belgrad Crackanthorpe:

Serbien solle falls bewiesen ist, daß irgendeiner seiner Beamte am Attentat mitschuldig sei, Österreich vollste Genugtuung geben. »Was das übrige betrifft, so muß die serbische Regierung auf die österreichischen Forderungen so antworten, wie sie es für die serbischen Interessen am Besten hält. Man kann unmöglich wissen, ob eine militärische Aktion Österreichs nach Verlauf der Frist durch irgend etwas anderes als vorbehaltlose Annahme seiner Forderungen verhindert werden kann, aber die einzige Aussicht scheint darin zu bestehen, daß eine vollständige Ablehnung vermieden und soviel Punkte als es die Frist erlaubt, günstig beantwortet werden..«
Grey vermied es einen eigenen von Serbien gewünschten britischen Standpunkt zu formulieren; Crackanthorpe weiter:
»Sie sollten sich daher mit Ihren französischen und russischen Kollegen darüber beraten, ehe Sie meine obigen Ansichten der serbischen Regierung wiederholen[37] «

Daß das Attentat zum Krieg führte, ist keiner Nation zu danken, keinem Kaiser Wilhelm oder Nikolaus. Beide wußten, dass dieser Krieg der Schlußstein eines längst begonnenen Prozesses zur Untergrabung der konstitutionellen Monarchie in Deutschland, in Rußland, zur gänzlichen Beseitigung des Feudalismus, sein würde. Die Kaiser hatten ihre Macht verloren und so ging es Rußlands Außenminister vor allem um ein Bündnis der Banken zur Ausbeutung Chinas, als er am 14./27. Dezember 1911 an den russischen Botschafter in Paris schrieb:

»Aus dem früheren Schriftwechsel ist Ihnen bekannt, daß die Kaiserliche Regierung die Teilnahme am englisch-deutsch-amerikanischen Sydikat [für Finanzierung der chinesischen Anleihen] ablehnt. Wir arbeiten an der Sprengung dieses Syndikats, indem wir Frankreich von ihm abzuziehen suchen, und halten eine Teilnahme unsererseits nur für möglich, wenn es so umgeformt wird, daß wir den überwiegenden Einfluß nördlich von der großen Mauer haben [38]

Anmerkungen:

[A] Bulginski: „Durch ein geheimes Abkommen (1881) wurde die eventuelle Ausrufung von Fürst Milan zum serbischen König von Österreich-Ungarn gutgeheißen, und Serbien wurde der Erwerb des Wardartales und Westmazedoniens in Aussicht gestellt. Der bei seinem Volke unbeliebte Milan erklärte bei der ersten Gelegenheit Bulgarien den Krieg (1885), um bei seiner Niederlage durch die Intervention der österreichisch-ungarischen Diplomatie gerettet zu werden [8].“

[B] Karl Radek: „Der deutsch-englische Gegensatz blieb also chronisch. Der deutsche Imperialismus begann ihn zuerst in der Türkei zu spüren, worauf wir noch weiter ausführlich zurückkommen; aber bald überzeugte er sich, dass er ihm auch in Europa gefährlich werden konnte. Im Jahre 1904 einigte sich der englische Imperialismus mit dem französischen über die nordafrikanischen Fragen, nachdem es sich gezeigt hatte, d ass von einem Übereinkommen mit Deutschland keine Rede sein konnte. Frankreich erkannte die Stellung Englands in Ägypten an, und England gab seine Zustimmung zu den marokkanischen Plänen Frankreichs. Dieses Übereinkommen leitete eine Verständigung der beiden Staaten ein, die die Schwächung des deutschen Imperialismus bezweckte. Die Verständigung war für den englischen und französischen Imperialismus um so nötiger gewesen, als die Niederlage Rußlands im Kriege mit Japan Deutschland von dem Druck an seiner östlichen Grenze befreit und seine Aktionskraft nach außen hin verstärkt hatte. Um sie im Zaume zu halten, begann England, das durch das Bündnis mit Japan vom Jahre 1912 von seinen ostasiatischen Sorgen befreit worden war und seine Kräfte gänzlich auf die Austragung des Gegensatzes zu Deutschland konzentrieren konnte, die Politik der Einkreisung Deutschlands. Zu diesem Zwecke schloß es auch mit Rußland, das nach der Niederlage in der Mandschurei und auf den Schlachtfeldern der Revolution England in Asien nicht mehr gefährlich war, ein Abkommen, in dem es Nordpersien als russische Einflußsphäre anerkennt.

Dieses Trinkgeld verhütete die Annäherung des geschwächten Rußlands an Deutschland und führte den Zarismus in die Arme Englands. So entstand die Tripel-Entente, als Gegengewicht zum Dreibund. Nun konnte sich England an die Arbeit machen. Es versuchte einerseits Rußland wegen der Balkanfrage in einen Konflikt mit Österreich zu verwickeln und andererseits den Gegensatz Frankreichs zu Deutschland zu vertiefen. Im ersten Falle konnte es zu einem Kriege zwischen Rußland und Österreich kommen, der Deutschland und Frankreich als Verbündete der beiden Staaten in Mitleidenschaft ziehen mußte. Das Resultat hätte, gleichviel auf wessen Seite der Sieg ausgefallen wäre, die Kräfte Deutschlands wenn nicht aufgerieben, so doch auf Jahre hinaus in Europa festgehalten [39].“

[C] Bulginski: „Anfangs des 20. Jahrhunderts (1904) wurde ein neuer Versuch unternommen, die Vereinigung der Südslawen anzubahnen. Zwischen Bulgarien und Serbien wurde ein Abkommen unterzeichnet, das die Schaffung eines Zollvereins vorsah. Der Paßzwang zwischen den beiden Ländern sollte aufgehoben und die Entscheide der Zivilgerichte ohne weiteres in beiden Ländern vollzogen werden. Aber auch dieser Versuch scheiterte an der Opposition Österreich-Ungarns. Letzteres stellte die Einfuhr serbischen Viehs unter Verbot (»Schweinekrieg«), eine Maßnahme, welche die serbische Volkswirtschaft
zu ersticken drohte. Serbien mußte auf den Zollverein mit Bulgarien verzichten [1].“

[D] Bethmann-Hollweg im Weissbuch: „Die russische Politik war bald nach den durch die türkische Revolution herbeigeführten Ereignisse des Jahres 1908 daran gegangen, einen gegen den Bestand der Türkei gerichteten Bund der Balkanstaaten unter seinem Protektorat zu begründen. Dieser Balkanbund, dem es im Jahre 1911 gelang, die Türkei siegreich aus dem größten Teil ihrer europäischen Besitzungen zu verdrängen, brach über die Frage der Beuteverteilung in sich zusammen [19].“

[E] Paul Cambon Botschafter Frankreichs in London „glaubt an eine gegenwärtige Beilegung [der Marokkokrise Anm.: TV]; »aber durch diese Verständigung werden und können nicht für längere Zeit die Gefahren beseitigt werden, welche von der draufgängerischen Politik Deutschlands drohen. Das Resultat dieser Verständigung wird nur ein Aufschub des Krieges von 3 bis 4 Jahren sein. Frankreich ist sich bewußt, daß ihm in jedem Falle der Krieg aufgezwungen werden wird. Aber Frankreich sowohl als auch seine Verbündeten sind der Ansicht, daß selbst um den Preis grösserer Opfer der Krieg auf einen entfernteren Zeitraum verschoben werden müsse, d. h. auf 1914 bis 1915. Die Notwendigkeit dieses Aufschubs diktiert nicht so sehr die materielle militärische Vorbereitung Frankreichs – die vorzüglich ist – als die Reorganisation des Oberkommandos, welches noch nicht durchgeführt ist. Diese Frist ist auch für Rußland notwendig [40]. «“

Quellen:

[1] Bulginski, Umbruch auf dem Balkan in Rote Revue Band 24 (1944-1945) Heft 4 S. 145
[2] Mandl, Leopold, Die Habsburger und die serbische Frage Wien 1918 S. 35
[3] Bulginski, a.a.O. S. 144
[4] Clark, Christopher, Die Schlafwandler Die Schlafwandler München 2013 S. 41
[5] ebd. S. 27ff
[6] Mommsen, Wolfgang J., Das Zeitalter des Imperialismus in Fischer Weltgeschichte Bnd. 28, Frankfurt/Main 1978, S. 221
[7] Mommsen, Wolfgang J., Das Zeitalter des Imperialismus a.a.O. S. 240ff
[8] Clark, Christopher, Die Schlafwandler a.a.O. S. 322
[9] Jagow, Gottlieb von, Ursachen und Ausbruch des Weltkrieges Berlin 1919 S. 47

zum Anfang

[10] Docherty, Gerry und Macgregor, Jim Verborgene Geschichte Rottenburg 2014 S. 253
[11] Clark, Christopher, Die Schlafwandler a.a.O. S. 192
[12] ebd. S. 120
[13] ebd. S. 118
[14] Die Presse Wien vom 5.1.1906
[15] Clark, Christopher, Die Schlafwandler a.a.O. S. 56
[16] ebd. S. 360
[17] Keßelring, Agilolf Wegweiser zur Geschichte Bosnien-Herzegowina, Paderborn, 2007, S. 37
[18] Clark, Christopher, Die Schlafwandler a.a.O. S. 125

[19] von Bethmann-Hollweg Das Deutsche Weißbuch Neumüster/Leipzig 1914, S. 5.

zum Anfang

[20] Clark, Christopher, Die Schlafwandler a.a.O. S. 340
[21]ebd. S. 131
[22] Mommsen, Wolfgang J., Das Zeitalter des Imperialismus a.a.O. S. 255
[23] Clark, Christopher, Die Schlafwandler a.a.O. S. 289ff
[24] ebd. S. 386
[25] ebd. S. 67
[26] Keßelring, Agilolf Wegweiser zur Geschichte Bosnien-Herzegowina, Paderborn, 2007, S. 37
[27] Lutz, Hermann, Der serbische Geheimbund „Einigung oder Tod“. in Schweizerische Monatshefte für Politik und Kultur Band 3 (1923-1924) Heft 9 S. 435
[28] Stieve, Friedrich (Hg.), Der Diplomatische Schriftwechsel Iswolskis Bd. II Berlin 1924 S. 382
[29] Stieve, Friedrich (Hg.), Der Diplomatische Schriftwechsel Iswolskis Bd. II a.a.O. S. 396ff

zum Anfang

[30] Stieve, Friedrich (Hg.), Der Diplomatische Schriftwechsel Iswolskis Bd. II a.a.O. S. 401
[31] Clark, Christopher, Die Schlafwandler a.a.O. S. 358f
[32] ebd. S. 128
[33] Boghitschewitsch, Milos, Die Auswärtige Politik Serbiens 1903-1914, Bd. II, Berlin 1928 – 1931 S. 408-410
nach Udo Walendy Die Schuldfrage des Ersten Weltkrieges Vlotho 1984
[34] Pierre de Lanux La Jougoslavie, Paris 1916 S. 226 zitiert nach Mandl, Leopold, Die Habsburger a.a.O. S. 8
[35] Mommsen, Wolfgang J., Das Zeitalter des Imperialismus a.a.O. S. 208
[36] Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 25.06.1914 in von Bethmann-Hollweg Das Deutsche Weißbuch a.a.O. S. 15
[37] Grey, Sir Edward, Telegramm an Crackanthorpe vom 24.06.1914 in Beer, Max Das Regenbogenbuch Bern 1915, S. 129f.
[38] Hg.: Stieve, Friedrich, Der diplomatische Schriftwechsel Iswolskis 1911-1914, Berlin 1925, S. 198
[39] Radek, Karl Der deutsche Imperialismus und die Arbeiterklasse – 1. Die Weltlage und der
deutsch-englische Gegensatz 1911 www.marxists.org
[40] Kjellèn, Rudolf Prophezeiungen über den Weltkrieg in Wegerer, Alfred von (Hg.) Berliner Monatshefte Berlin 1925 S. 4
[41] Mommsen, Wolfgang J., Das Zeitalter des Imperialismus a.a.O. S. 235
[42] Frydman, Hilt, Zhou, The Panic of 1907: JP Morgan, Trust Companies, and the Impact of the Financial Crisis, Boston 1912: Zitat im engl. Orginal: „The data also suggest that many of the rescue efforts organized by J.P. Morgan may have been motivated by self-interest.“
[43] Lenin, Wladimir Iljitsch, Werke Bnd. 22, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Berlin 1960, S. 237

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