Mühsam zum Thronjubiläum.

Erich Mühsam war ein deutscher Anarchist. Ernst Jünger schrieb uuml;ber ihn: »Er war einer der besten und gutmütigsten Menschen, denen ich begegnet bin [1] Für die schlechten und bösartigen Menschen Grund genug, ihn 1934 zu ermorden.

Zum 25. Thronjubiläum Wilhelms II. 1913, entwirft Mühsam ein außerordentlich prägnantes Bild von Kaiser, Politik und Gesellschaft. Noch bevor er sich dem Kaiser zuwendet widmet er sich den „Festschmöcken und Jubiläumsschwaflern“.

»Die Liebe des freien Mannes macht es skeptischer veranlagten Naturen einigermaßen schwer, das Bild des Gefeieren frei von karrikierenden Verzerrungen aufzunehmen und alle Ironie gerechterweise auf die Feiernden zu häufen [2]

Man darf annehmen, daß es, in dieser Hinsicht, dem Kaiser wie dem Anarchisten erging.
Hammann, seinerzeit im Auswärtigen Amt, dem Kaiser ansonsten nicht freundlich gesinnt, fand, daß Wilhelm II. »jede Art von Günstlingswirtschaft grundsätzlich zuwider war. Er wollte durchaus nicht umschmeichelt sein, und kaum ein anderer Vorwurf erregte seinen Zorn so sehr, als der, daß er eine Kamarilla dulde und für das Hofschranzentum eingenommen sei [3]

Mühsam erschien der Kaiser selbst als Anachronismus:
»Wilhelm nennt sich „von Gottes Gnaden deutscher Kaiser und König von Preußen“. In vollkommener Übereinstimmung mit diesem Titel beruft er sich auf die Gottesgnade als einzige Grundlage seines fürstlichen Wandels…. Ich finde … mit dem Kaiser, daß jeder andere Standpunkt, von dem aus die Institution der Monarchie verteidigt wird, unhistorisch, unlogisch und unhaltbar ist. Eine konstitutionelle Monarchie ist – schon sprachkritisch betrachtet – eine contradictio in adjecto [ein Widerspruch in sich].«

Mühsam stutzt die Kritiker der Monarchie zurecht:
»Die Privatperson eines Kaisers geht den Feind der Krone nicht das mindeste an, und es sei denen unter meinen anarchistischen Kameraden, die mit Revolver und Dynamit die Spaziergänge der Fürsten gefährden möchten, nachdrücklich gesagt, daß darin eine verhängnisvolle Anerkennung des dynastischen Übermenschentums zum Ausdruck kommt.«

»Wer hinter dem Katheder eines Schulmeisters die Zunge herausstreckt, dokumentiert damit, daß er dem Zuchtbakel des Lehrers noch nicht entwachsen ist.«

Erich Mühsam demaskiert Falschheit, Dummheit und/oder die Verlogenheit der Schmeichler Wilhelms II.:
»Es ist mehr als natürlich, daß er sein Werk, das ihm heilig gilt, lieber auf Gottes Hilfe baut als auf die Federfuchserei devoter Gernegröße und daß er diese Herrschaften in bewährter Erfahrung mit einem unzweideutigen »Sic volo, sic jubeo!« [So will ich, so befehle ich!] ins Mauseloch jagt….. Der deutsche Oberlehrer tropft von Begeisterung. Die patriotische Köchin schwitzt von Hochgefühlen. Der Plauderkuli des hinterposnerischen Generalanzeigers impft Kinderbewahranstalt und Synagogengemeinde mit teutonischen Lyrismen. Heil Kaiser dir! «

Mühsam sieht in Wilhelm von Preußen nicht nur den Kaiser. Er nennt weitere Rollen, die zu spielen Wilhelm genötigt war:
»Als Besitzer des Gutes Cadinen ist derselbe Mann, den das Zepter das Symbol seiner Ausnahmestellung unter den Menschen dünkt, als konkurrierender Kaufmann und Fabrikant ins Geschäftsleben seines Landes mitten hineingegangen.«

»Darin liegt eine gewisse Tragik, daß die Fittiche seiner Phantasie, mit der uns Wilhelm herrlichen Tagen entgegenführen wollte, immer wieder umknicken an den harten Wänden der realen Verhältnisse. Diese Verhältnisse haben es mit sich gebracht, daß die Entscheidung über Krieg und Frieden tatsächlich nicht mehr bei dem steht, der das formelle Recht hat, darüber zu bestimmen , sondern bei denen, die an der Börse die Kurszettel machen [4]

Und dennoch war man froh mit dem Deutschen Kaiser die Kriegsursache beseitigt zu haben – wenigstens bis 1939.

Quellen:
[1] Jünger, Ernst zitiert nach http://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Mühsam 29.03.2015
[2] Mühsam, Erich, Ausgewählte Werke Band II, Berlin 1978 S.128
[3] Hammann zitiert nach: Chamier, Daniel, Wilhelm II – Der Deutsche Kaiser, München, Berlin 1989 S.232
[4] Mühsam, Erich, Ausgewählte Werke Band II, Berlin 1978 S.131 ff