Die Konvention von Bartenstein.

Am 8. Februar 1807 erlitt in der Schlacht bei Preußisch Eylau Napoleons Armee heftige Verluste, die den Kaiser der Franzosen veranlaßten, Preußen ein Friedensangebot in Aussicht zu stellen. Friedrich Wilhelm III. lehnte ab und ließ den russischen Kaiser wissen „in allem der Nämliche“ zu bleiben.

Kaiser Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III.
Kaiser Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III.

Gegen die Franzosen setzte er nun seine schärfste Waffe ein, den eigenen Verstand und den seines Beraters Hardenberg. In seiner Denkschrift von Anfang März 1807 sprach sich Hardenberg gegen einen Seperatfrieden und für die Aufrechterhaltung des Bündnisses mit Rußland und England aus [ 1]. [ 2]

Der von General Benningsen abgefaßte Bericht zum Zustand der russischen Armee nach der Schlacht bei Pr. Eylau verfehlte seine Wirkung auf Kaiser Alexander I. nicht.
Die hohen Verluste der Russen, die schlechte Versorgung der Soldaten, Korruption und Benningsens Unfähigkeit das Vertrauen der Soldaten zu gewinnen, ließen das Schlimmste befürchten.
Alexander beauftragte Minister Popow, für eine bessere Verpflegung der Soldaten zu sorgen; eine Aufgabe, die nicht ohne eine zeitaufwendige Umorganisation des Verpflegunsgswesens zu lösen war [ 3].

Der russische Kaiser sah Handlungsbedarf, stärkte Benningsen den Rücken, ließ die Reserven der Armee aufmarschieren, um sie notfalls in Preußen einzusetzen und setzte auf die politische Karte, die Phase militärischer Schwäche zu überstehen.

Am 28. März reiste er in Begleitung seines Außenministers Baron Budberg von Petersburg an die preußische Grenze nach Polangen.
Als am 1. April der preußische König zur Begrüßung anreiste, läuft ihm Alexander I. auf jegliche Etikette verzichtend ohne Hut und ohne Degen über 300 Meter freudig entgegen [ 4].

Tags darauf reisten die Monarchen nach Memel weiter.

Am 4. April fuhren der Kaiser, der preußischen König und Hardenberg nach Kidullen (Kydullen) bei Georgenburg, die dort eintreffende 1. russische Division zu besichtigen. Von Kidullen ging es über Schippenbeil in Benningsens Hauptquartier nach Bartenstein.

Die Monarchen berieten die von Hardenberg vorbereiteten Themen. Hardenberg und Alexander unterhielten sich lebhaft über die künftige Gestaltung Europas. Wer nach den Vätern des Wiener Kongresses sucht [ 5] [ 6], wird im Bartstein des Jahres 1807 fündig, d.h. noch bevor sich Österreich in Frankreich eingeheiratet hatte und lange bevor der Schwiegersohn nach Elba verbannt wurde.

Konkret [ 7]: „Die Verbündeten erklären, keinesfalls die Absicht zu haben, Frankreich zu demüthigen, oder sich in dessen Verhältnisse zu mischen; sie wünschen nur, dessen fortgehenden Vergrößerungen Schranken zu setzen, die Selbständigkeit der übrigen Staaten durch ein besseres System der Grenzen und des Gleichgewichts sicher zu stellen und diejenigen zu entschädigen, welche Verluste erlitten hätten.
Rußland verpflichtet sic, alle Kräfte anzuwenden, um die preußische Monarchie in ihrer früheren Macht herzustellen; es garantirt ihr ein Aequivalent für diejenigen Provinzen, welche nicht zurückgegeben werden können, und eine bessere militärische Grenze.
Die Verbündeten erkennen die Nothwendigkeit der Unabhängigkeit Deutschlands an, daß aber eine solche Unabhängigkeit nicht bestehen könne, so lange Frankreich Herr des Rheines sei, oder Truppen in Deutschland habe. Ohne die frühere deutsche Verfassungherstellen zu wollen, sind sie Willens, einen Bund zu schaffen, der durch eine gute militärische Grenze und eine Vertheidigungslinie, parallel mit dem Rhein, garantiert werde. Ein solches System soll im Verein mit Oesterreich […] geschaffen werden. [… ]
Die beiden Verbündeten verpflichten sich während des Krieges keine Eroberungen auf eigene Rechnungzu machen. Erst der Friede soll über die Verwendung derjenigen Erwerbungen entscheiden, welche man dem Feinde und seinen Verbündeten abnehmen dürfte.“

Napoleon hatte sich nach der Abfuhr durch Friedrich Wilhelm III. an Österreich gewandt und Wien startete seine Vermittlungsbemühungen.
England reagiert vage, Rußland freundlich und Preußen am 10. Mai nüchtern: die angestrebten Unterhandlungen mit Frankreich
würden nicht erfolgreich sein, Preußen biete Österreich hingegen den Betritt zu einer kürzlich mit Rußland geschlossenen Convention an [ 8], auch Preußen versuchte sich als Vermittler und schlug eine Konferenz in Kopenhagen vor [ 9].

Die diplomatischen Verbrämungen beiseite gelassen, vereinbarten Preußen und Rußland den Krieg gegen
Frankreich bis zu dessen Niederlange fortzuführen.

Nicht wahr, keiner von uns Beiden fällt allein?
Entweder Beide zusammen oder keiner von Beiden!“

Kaiser Alexander I. in Kidullen 04/1807 [10]

Nach der Schlacht von Friedland 14.07.1807 empfahl General Benningsen die Aufnahme von Friedensverhandlungen und Kaiser Alexander beauftragte Fürst Labanow mit der Verhandlungsführung. Am 21. Juni wurde man sich mit den Franzosen einig und am 21. unterrichtete die russische Seite den preußischen General L’Estocq über das Ergebnis [11].

Noch vor Abschluß der Waffenstillstandsverhandlungen bespricht sich der russische Kaiser Alexander I. mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. und Hardenberg im Jagdschloß Szawl [12].

Am 25. gelang es dem preußischen Feldmarschall Graf Kalkreuth mit den Franzosen ebenfalls einen Waffenstillstand zu vereinbaren.
Wichtiger als das: General L’Estocq hatte die Truppen hinter die Russe und Gilge (nördlich Tilsit) zurückgenommen [13]. General Benningsen plante für den Fall, eines Scheiterns der Friedensverhandlungen, mit den 50 000 Mann der Preußen die Memel zu halten, während die Russen eine Offensive in Polen starten sollten. Es bestand Hoffnung auf englischen und sogar österreichischen Beistand.
Nach wie vor arbeiteten Preußen und Rußland Hand in Hand [14].

Napoleon dagegen plante einen Keil zwischen die Verbündeten zu treiben [15] wobei er tätige Hilfe in Rußland wie in Preußen (Zastrow, der sich mit französischen Orden schmückende Schulenburg…) erfuhr. Die ausgefeilte Inszenierung der Friedensverhandlungen in Tilsit hatte den Zweck dem Kaiser von Rußland Honig um den Bart zu schmieren und Friedrich Wilhelm III. als ohnmächtigen, wertlosen Zeitgesellen vorzuführen. Nachdem das Schauspiel bei dem von Geburt an mißtrauischen Alexander nicht verfing, änderte Napoleons auch sein Verhalten gegenüber dem König von Preußen. Theater auch der Freundschafts- und Bündnisvertrag.

Letztere sollten sich in Luft auflösen. Bestand hatte das unerschütterliche, gegenseitige Vertrauen das die Beziehungen König Friedrich Wilhelm III. zu Kaiser Alexander I. zu Yorck oder Blücher kennzeichnete.

Quellen:
 

[ 1] Höpfner, Eduard von, Krieg von 1806 und 1807, Zweiter Theil Dritter Band, Berlin 1855, S. 445
[ 2] Gall, Lothar, Hardenberg – Reformer und Staatsmann, München, Berlin 2016, S. 140
[ 3] Höpfner, a.a.o., S. 454
[ 4] van Taak, Merete, Zar Alexander I., Tübingen 1983, S. 210
[ 5] Gall, a.a.o., S. 454
[ 6] van Taak, a.a.o., S. 212
[ 7] Höpfner, a.a.o., S. 450f
[ 8] ebd., S. 445
[ 9] ebd., S. 449
[10] ebd, a.a.o., S. 445
[11] ebd, a.a.o., S. 699
[12] van Taak, a.a.o., S. 213
[13] Höpfner, a.a.o., S. 702
[14] ebd., S. 702
[15] van Taak, a.a.o., S. 213