Berliner Kongress von 1878

Seite drucken

Ausgangslage.

Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 führte in Europa zur Neuausrichtung der Außenpolitik. Österreichs Bemühungen Deutschland und Italien zu dominieren scheiterten nach dem Sieg der Preußen und Italiener über Österreich im Jahre 1866. Österreich widmete sich dem Balkan [A1].

Der russische Kaiser Alexander II. geriet innenpolitisch in schwerste Nöte und gedachte sich den Sympathien der einflußreichen Panslawisten durch den kriegerischen Erwerb des österreichischen Galiziens zu sichern [A2], was den russischen Panslawisten und Reichskanzler Gortschakow [A3] dazu bewog 1875 in Berlin anzufragen, ob denn Deutschland in einem solchen Falle neutral bliebe. Die Weise in der er dies Tat bot Gewähr, daß Österreich mit geringem Aufwand davon Kenntnis nehmen konnte [A4].

Bismarck antwortete mit einem entschiedenen Jein: »…unser erstes Bedürfnis sei, die Freundschaft zwischen den großen Monarchien zu erhalten, welche der Revolution gegenüber mehr zu verlieren als im Kampf untereinander zu gewinnen hätten. Wenn dies zu unserem Schmerze zwischen Rußland und Österreich nicht möglich sei, so könnten wir zwar ertragen, daß unsere Freunde gegeneinander Schlachten verlören oder gewönnen, aber nicht, daß einer von beiden so schwer verwundet und geschädigt werde, daß seine Stellung als unabhängige und in Europa mitredende Großmacht gefährdet würde [A5]

Gortschakows Wunsch, Deutschland möge für Österreich in den Krieg ziehen ging damals noch nicht in Erfüllung. Also wendete sich Rußland dem Balkan zu und verhandelte mit Österreich. In der Abmachung von Reichstadt vom 8. Juli 1876 wird Österreich der Erwerb von Bosnien zugestanden sofern es sich im Krieg Rußlands gegen das Osmanische Reich neutral verhielte [A6].

Was nun Englands Rolle anbelangt, so läßt die sich am einfachsten durch das Ergebnis eines Gemetzels, an dem es nicht beteiligt war, erkennen: dem Berliner Vertrag. Das Osmanischen Reich und Rußland schwächten sich gegenseitig. Der Sieger Rußland würde neue Kredite benötigen und der Verlierer würde die ihm zugestandene Entschädigung für die abzutretenden Gebiete grußlos an die westlichen Treuhänder des Osmanischen Vermögens weiterreichen.

Der Balkan.

Der innere Zerfall des Osmanischen Reiches war zu Beginn der 1870er Jahre derart fortgeschritten, daß von einer funktionierenden Verwaltung des Staates nicht mehr gesprochen werden konnte. Der Sultan lebte auf großem Fuße und brauchte Geld. Die in den Provinzen des Balkans verankerten und redlichen Gouverneure wurden durch asiatische Gefolgsleute des Sultans ersetzt, die wiederum ihre Sippen nachholten, die nachgeordneten Ämter zu besetzen, um Land und Leute auszuplündern [B1]. Dieses wirtschaftliche Modell funktionierte – allerdings nur kurzfristig. Es kam zu Aufständen.

William Gladstone der nach den Wahlen von 1874 sein Amt als Premierminister verloren hatte, griff 1876 die Außenpolitik seines Konkurrenten Disarelis am Beispiel Bulgariens an [B2]:
Bezugnehmend auf die infolge der Aufstände abgeschlachteten 12 000 Menschen, fällte er sein Urteil über die Türken:

»wherever they went, a broad line of blood marked the track behind them«.

Der Krieg zwischen Rußland und dem Osmanischen Reich.

Auf einer internationalen Konferenz in London wurde 1871 Rußlands Vorstoß zur Remilitarisierung des Schwarzen Meeres mit britischem Segen (der Regierungschef hieß W. E. Gladstone) gebilligt [B3].
Bemüht mit deutscher und österreichischer Hilfe auf die Pforte (die Regierung des Osmanischen Reiches) erfolglos einzuwirken, setzte Rußland auf Krieg.

Am 27. Juni 1876 erklärten Serbien und Montenegro dem Osmanischen Reich den Krieg [B4]. Russische Offiziere führten die serbischen Truppen an. Noch konnte sich das Osmanische Reich behaupten.

Rußland und Deutschland schlossen trotz allem dennoch am 18. Juli 1887 einen geheim gehaltenen Vertrag ab:
Falls »Seine Majestät der Kaiser von Rußland sich in die Notwendigkeit versetzt sehen sollte, zur Wahrung der Interessen Rußlands selbst die Aufgabe der Verteidigung des Zugangs zum Schwarzen Meer zu übernehmen, verpflichtet sich Deutschland, seine wohlwollende Neutralität zu gewähren und die Maßnahmen, die Seine Majestät für notwendig halten sollte, um den Schlüssel seines Reiches in der Hand zu behalten, moralisch und diplomatisch zu unterstützen [B5]

Unter dem Vorwand der Sultan habe gegen die im Londoner Protokoll von 1877 festgelegten Regularien zur Umsetzung des Friedens mit Montenegro und zur Herstellung der bulgarischen Autonomie verstoßen, trat Rußland in den Krieg ein. Die Kriegerklärung erging am 24.4.1877 an die Pforte. Das Osmanische Reich gab sich ein Jahr später geschlagen und willigte in den Frieden von San Stefano ein.

Die von Rußland beabsichtigte Errichtung eines bulgarischen Staates, der im Süden bis zur Ägäis reichen und im Westen Makedonien umfassen sollte, stieß auf britischen Widerwillen. Rußland störte darüberhinaus Englands  wirtschaftspolitische Interessen, da

  1. jede Belastung des Ottomanischen Reiches die Rückzahlung seiner Schulden beeinträchtigte
  2. ein Mitspracherecht Rußlands über die Geschicke des Osmanischen Reiches, den ‚Handlungsspielraum‘ jener Staaten einschränkte, bei denen der Sultan verschuldet war.
  3. der Handel auf dem Balkan durch ein Bulgarien in den Grenzen wie in San Stefano vorgesehen von Rußland hätte kontrolliert werden können.

Hase und Igel.

Rußland hatte sich unter hohen Verlusten bis zu die Dardanellen herangekämpft und traf nun auf die britische Flotte sowie auf eine österreichische Kriegsdrohung. Einen Krieg gegen Großbritannien und dessen österreichische Gehilfen war Rußland nicht in der Lage zu führen. Es hatte sich außenpolitisch verannt und der Verantwortliche, Gortschakow, nahm eine Grippe und schickte Botschafter Schuwalow zu Bismarck nach Friedrichsruh, ihn zu bitten, einen Kongreß in Berlin auszurichten, auf dem der Frieden mit dem Osmanischen Reich verhandelt werden solle [C1].

Bismarck, der »ehrliche« Makler?

Bismarck lud zum Kongreß nach Berlin. Die Vertreter Englands reisten an, nicht ohne zuvor Sorge dafür getragen zu haben, den Rest der Kongreß-Teilnehmer vor vollendete Tatsachen stellen zu können. Am 4.Juni 1877 war ein Geheimabkommen mit dem Osmanischen Reich abgeschlossen worden: der Sultan erhielt Geld sowie das britische Wohlwollen im Austausch gegen Zypern.

Am 11. Juni 1877 wurde das Geheimabkommen mit Österreich-Ungarn abgeschlossen. Der Preis den London für Österreichs Dienste zahlte hieß Bosnien.

Kaiser Alexander II. von Rußland (die Mutter war eine preußische Prinzessin und seine Frau stammte aus Darmstadt) unterrichtete den Deutschen Kaiser von der Haltung der russischen Regierung:
» …wenn Deutschland nicht ohne Widerrede die russischen Forderungen in der Orientfrage unterstützte, drohte sie Feindschaft an auf Leben und Tod.«
Nicht nur in Rußland, auch in Deutschland agierte die Regierung weitgehend unabhängig vom Willen des „Herrschers“ und nicht selten ihm zuwider. Es sei nicht einfach unter Bismarck Kaiser zu sein, monierte Kaiser Wilhelm I. Bismarcks Kabinett drohte mit Rücktritt und zwang den Deutschen Kaiser seine Unterschrift unter die Ergebnisse des Berliner Kongresses zu setzen [C2].

Kaiser Wilhelm II in „Ereignisse und Gestalten“: »Die englische Psyche und Mentalität in der restlosen, wenn auch durch allerlei Mäntelchen verhüllten Verfolgung des Planes der Welthegemonie war dem Auswärtigen Amt ein Buch mit sieben Siegeln. Der Fürst [TV: Bismarck] sagte mir einmal, sein Hauptaugenmerk sei, Rußland und England nicht zu einem Einverständnis kommen zu lassen. Darauf erlaubte ich mir zu antworten: Der Moment dies in weite Ferne zu rücken, wäre ja beinahe gegeben gewesen, wenn man 1877/78 die Russen nach Stambul gelassen hätte… Statt dessen habe man den Russen den Vertrag von San Stefano aufgenötigt, sie vor den Toren der Stadt, die sich nach furchtbaren Kämpfen und Mühen erreicht hatten und vor sich sahen, zur Umkehr gezwungen. Das habe in der russischen Armee einen unauslöschlichen Haß gegen uns entfesselt… Obendrein habe man dann den Vertrag umgestoßen und durch den Berliner Kongreß ersetzt, der uns in den Augen der Russen noch mehr als Feinde ihrer „berechtigten Interessen im Orient“ belastet habe.«

Die Glückwünsche seiner Beamte im Auswärtigen Amt zu den Ergebnissen des Berliner Kongresses quittierte Bismarck wenig bescheiden: »Jetzt fahre ich Europa vierelang [d.h. als Kutsche mit vier Pferden] vom Bock.« Der hier von Wilhelm II. zitierte Herr aus dem AA »bemerkte dazu: da habe der Fürst sich geirrt, denn damals drohte schon an Stelle der russo-preußischen die russo-französische zu entstehen, also zwei Pferde waren aus dem Viererzug schon heraus [C3]

Frankreich tat alles um Rußland für ein Bündnis gegen Deutschland zu bewegen. Die panslawistische Bewegung wuchs. Pressekampagnien gegen Deutschland wurden losgetreten. Alexander II., der Herrscher Rußlands und bis dahin der bedeutendste Reformer seines Landes, war sinnigerweise der von der „Freiheitsbewegung“ am stärksten bekämpfte Machthaber. Zu dieser Situation keimten in Deutschland wohl genährte Hoffnungen auf ein Bündnis mit Großbritannien.

Prinz Friedrich Karl von Preußen äußerte auf seinem Besuch vom 17. Dez. 1871 in Moskau gegenüber dem Hauptredakteur der Moskauer Zeitung Katkow: »Deutschland wünscht den Frieden und die Freundschaft mit Rußland. Unsere Interessen kollidieren in keiner Weise mit denjenigen Rußlands. Wenn in Deutschland eine gewisse Unzufriedenheit mit Rußland herrscht, so hat diese einzig in der zu strengen Abschließung seiner Grenzen und der übermäßigen Beengung des Handels durch die Strenge des Tarifs ihren Grund… [C4] «

Der Berliner Vertrag.

Der Anlaß dieser »gewissen Unzufriedenheit« stellte einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Berliner Vertrag [D1] und dem Vertrag von San Stefano dar. Das Osmanische Reich hatte 1875 seinen Bankrott erklärt. Die Berliner Konferenz bot eine gute Gelegenheit zur Schadensminimierung.

Artikel 9 des Berliner Vertrages legt fest:
Die Höhe des jährlichen Tributes, welchen das Fürstenthum Bulgarien dem Oberherrlichen Hofe durch Zahlung an die von der Hohen Pforte später zu bezeichnende Bank zu entrichten hat, wird durch Vereinbarung der Signatarmächte des gegenwärtigen Vertrages am Schlusse des ersten Jahres der Wirksamkeit der neuen Organisation bestimmt werden. Dieser Tribut wird nach dem mittleren Ertrage des Gebietes des Fürstenthums festgesetzt werden. [318] Da Bulgarien einen Theil der öffentlichen Schuld des Reichs zu tragen hat, so werden die Mächte bei Feststellung dieses Tributs denjenigen Theil dieser Schuld in Betracht ziehen, welcher dem Fürstenthum auf der Grundlage eines billigen Verhältnisses aufzulegen sein würde.

Nicht zu vergessen ist, daß seit Erklärung des Staatsbankrotts die Finanzverwaltung des Osmanischen Reiches in den Händen der Großmächte lag.

Artikel 10:
Bulgarien übernimmt vom Tage der Auswechselung der Ratifikations-Urkunden zu dem gegenwärtigen Vertrage ab an Stelle der Kaiserlich ottomanischen Regierung deren Lasten und Verpflichtungen gegenüber der Rustschuk-Varnaer Eisenbahngesellschaft;...

Artikel 33:
Da Montenegro einen Theil der öffentlichen ottomanischen Schuld für die neuen Gebiete, welche ihm durch den Friedensvertrag zugetheilt worden sind, zu tragen hat, so werden die Vertreter der Mächte zu Konstantinopel den betreffenden Betrag im Einverständniß mit der Hohen
Pforte auf einer billigen Grundlage festsetzen.

Artikel 38:
Das Fürstenthum Serbien tritt für seinen Theil an Stelle der Hohen Pforte in die Verpflichtungen ein, welche dieselbe sowohl gegenüber Oesterreich-Ungarn, als auch gegenüber der Gesellschaft zum Betriebe der Eisenbahnen der europäischen Türkei bezüglich des Ausbaues, des Anschlusses sowie des Betriebes der auf dem neu erworbenen Gebiete des Fürstenthums anzulegenden Eisenbahnen eingegangen ist...

Natürlich durften die Profite des britischen Welthandels (wie die der übrigen Industriestaaten) nicht eingeschränkt werden, etwa indem die wirtschaftlich wenig entwickelten Staaten des Balkans durch Erhebung von Zöllen partizipierten.

Artikel 37:
Kein Durchgangszoll darf von den Waaren, welche durch Serbien hindurch gehen, erhoben werden.

Artikel 48:
Kein Durchgangszoll darf in Rumänien von den Waaren, welche durch das Fürstenthum hindurchgehen, erhoben werden.

Ein weiterer Beitrag die Stellung des russischen Kaisers Alexander II. in seinem eigenen Land zu untergraben lieferte der Artikel 62:
Die bestehenden Rechte Frankreichs werden ausdrücklich gewahrt, und man ist einverstanden darüber, daß kein Eingriff in den gegenwärtigen Zustand an den Heiligen Orten geschehen soll.

Die dem Kaiser feindlich gesonnene russische orthodoxe Kirche sah sich – wie die von Frankreich vertretene katholische – als die einzig rechtmäßige Kirche in der Nachfolge Jesu Christi und somit in der Verantwortung für die Heiligen Orte.

Auf dem Berliner Kongress wurden Vertreter des Osmanischen Reiches zwar eingeladen, mit am Verhandlungstisch saßen sie allerdings nicht. Seine Interessen wurden bestens durch Großbritannien vertreten. Dank der brit. Hilfe konnte es seine Gebietsverluste minimieren.

Das im Vertrag von San Stefano für Bulgarien vorgesehene Gebiet wurde mehr als halbiert. Seine Ausdehnung bis zum Mittelmeer wurde rückgängig gemacht. Ost-Rumelien blieb unter der Bedingung, es durch einen christlichen Gouverneur verwalten zu lassen, eine Provinz des Osmanischen Reiches. Natürlich hatte die Pforte das Recht dort Militär zu stationieren und Festungen anzulegen (Artikel 15), sprich den Bosporus gegen künftige russische bzw. bulgarische Vorstöße abzuriegeln.

In einem Brief äußerte der preußische Bankier Bleichröder dem brit. Premier Disarelis gegenüber seine Besorgnis bezüglich eines Krieges im Osten: »Die Krise in England dürfte ihr letztes Stadium noch nicht erreicht haben… Die Dinge im Osten werden für alles andere als klar angesehen, und Rußland ist nicht geneigt, den Bestimmungen des Berliner Vertrages nachzukommen.« – Disarelis Antwort: »Ich glaube, daß die Fähigkeit Rußlands, eine Anleihe aufzunehmen, sich bald erweisen wird, wenn seine Regierung sich entscheiden sollte, den Vertrag von Berlin nicht in die Tat umzusetzen [D2]

Der Berliner Vertrag – Nur die Spitze des Eisbergs.

Die vom russische Kaiser Alexander II. eingeführten Reformen (Aufhebung der Leibeigenschaft), wie die diplomatische Niederlage in Berlin drohten seine Macht im Lande zu erschüttern. Die englische Politik nutzte jede Gelegenheit Rußland zu schwächen [D3].

Deutschland war in der gleichen Position wie Rußland – vermochte sich aber darüber hinwegzutäuschen.

1879 trafen sich Andrassy und Bismarck in Gastein eine Defensivallianz zu schmieden. Den Vertrag auch gegen Frankreich zu wenden, um den Wünschen Kaiser Wilhelm I. zu entsprechen und das Verhältnis zu Rußland nicht weiter zu belasten, wurde von Österreich abgelehnt, mit der Begründung, daß die österreichische Regierung die Freiheit wahren müsse, dem befreundeten englischen Kabinett auf jede Frage wahrheitsgemäß antworten zu können, daß Österreich an keiner gegen Frankreich gerichteten Verabredung beteiligt sei… [D4]

Auch in Deutschland gab es Freunde des britischen Kabinettes. Die anglophilen Kritiker des deutschen Reichskanzlers verstummten selbst dann nicht, als im April 1880 der den Deutschen wenig gesonnene Gladstone erneut zum Premier gewählt wurde.

Bismarck hat den ehrlichen Makler gespielt, weil es ihm schmeichelte in eine solche Rolle schlüpfen zu können. Die englische Times lockte mit einem deutsch-britische Bündnis und ernannte Bismarck zum Schiedrichter Europas, der den Kontinent gegen den Russen zu verteidigen habe, was so, jedenfalls damals, noch nicht verfing. Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung stellte klar, „daß an der Spree und an der Donau auch noch Leute wohnen, welche ihr Urteil ob Rußland als Freund oder Feind zu betrachten sei, nicht von der täglich wechselnden Anschauung der Times abhängig machen und daß bereits ein Dreikaiserbündnis bestehe, welchem beizutreten England freistünde [D5].“

Der deutsche Kaiser dachte nicht daran, die russische Freundschaft gegen die halbseidene österreichische einzutauschen. Auch Bismarck war klar, daß es eines Defensivbündnisses mit Rußland bedurfte, um dem Deutschen Reich weitere Kriege zu ersparen. Das preußische Militär, allen voran Moltke, schätzte Österreich als Bündnispartner mehr als Rußland und so schließt das Deutsche Reich am 7. Oktober 1879 sein Bündnis mit Österreich-Ungarn ab, gestützt auf die windige Hoffnung, Rußland zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Defensivbündnis bewegen zu können [D6][D7].

Prinz Alexander von Hessen, Bruder der russischen Kaiserin, erblickt in der Abkehr Deutschlands von Rußland eine Schwächung der Position des in scharfen Auseinandersetzungen mit den Großfürsten und Popen befindlichen Kaisers von Rußland [D8]. Die Reformen in Rußland sollten zum Erliegen kommen.

Die hochgesteckten Erwartungen Rußlands mußte er enttäuschen, da ein Ziel des Panslavisten Gortschakow die Schädigung des deutschen Ansehens in Rußland war, auch und gerade indem er versuchte das Vertrauen Kaiser Alexanders II. in die deutsche Politik zu erschütterte.

Kaiser Alexander II. war verstimmt, zunächst wegen Österreich-Ungarn, dessen Haltung er Kaiser Wilhelm I. gegenüber als »louche wie gewöhnlich« charakterisiert [D9].

Umso stärker wog die Enttäuschung über Deutschland, als dem russischen Kaiser gemeldet wurde, daß auch deutsche Agenten im Orient der russischen Politik entgegenwirkten. In seinem Brief vom 15. August 1879 an Kaiser Wilhelm äußert er seinen Unmut und beschwert sich heftigst über Bismarck (dem auch das Außenministerium unterstand). Österreich sei, so schrieb der russische Kaiser, stets systematisch feindlich gegenüber Rußland gewesen.

Mit den Schutzzöllen – auf russische Agrargüter im Januar 1879 eingeführt und im Juli ausgeweitet – förderte Deutschland ein Übergreifen des deutschfeindlichen Ressentiments bei Hof und Militär auf Händler und Landadel [D10].

Bismarck mußte sich hier, den seine Regierung tragenden Parteien im Parlament beugen und diese Parteien sahen ihre Aufgabe darin, die von Industrie und Großgrundbesitzern geforderten Schutzzölle durchzusetzen.

Sehr viel später (1886) winkte Bismarck mit den Dardanellen bzw. Konstantinopel, um in Rußland Interesse an einem Defensivbündnis mit Deutschland zu wecken. Er schickte den späteren Kaiser Wilhelm II. zum Zaren nach Brest-Litowsk, der dort einem Manöver seiner Armee beiwohnte. »Wenn ich Konstantinopel will, dann nehme ich es mir ohne den Fürsten Bismarck um Erlaubnis zu fragen«, antwortet der russische Kaiser dem Kronprinzen Wilhelm [D11].

Ein russischer General der älteren, deutschfreundlichen Generation erzählte dem Kronprinzen:
»Es ist dieser mißratene Berliner Kongreß. Ein sehr ernster Fehler des Kanzlers. Er hat die alte Freundschaft zwischen uns zerstört, Mißtrauen bei Hof und Regierung gesät und die Gefühle, angesichts des blutigen Feldzuges von 1877, tief verletzt. Deshalb suchen wir eine Revanche.
Und darin sind wir auf einer Seite mit der verdammten Französischen Republik, die voll des Hasses und hinterlistiger Ideen gegen sie [die Deutschen] ist, die uns im Fall eines Krieges die Dynastie kosten wird [D12]

Am 03.08.1878 tritt der Berliner Vertrag inkraft.
Am 19.08.1878 ziehen österreichische Truppen in Sarajevo ein.

Quellen:

[A1] Spaits, Alexander, Der Weg zum Berliner Kongress in Unsere Truppen in Bosnien und der Herzegowina Band 1, Wien und Leipzig 1907, S. 57
[A2] Engelbert, Ernst in Lehrbuch der Deutschen Geschichte Bnd. 8, Berlin 1965, S. 203
[A3] Meyers Großes Koversations-Lexikon Bnd 8, Leipzig 1907, S. 143
[A4] Bismarck, Fürst Otto v., Gedanken und Erinnerungen, München, Berlin 1982, S. 430f
[A5] Bismarck, a.a.O., S. 433
[A6] ebd.
[B1] Spaits, a.a.O., S. 60
[B2] Gladstone, William, Bulgarien Horrors and the Question of the East, New York und Montreal 1876, S. 21
[B3] Alexander/Stökl, Russische Geschichte, Hamburg 2018, S. 461
[B4] Spaits, Alexander, a.a.O., S.71
[B5] Gall, Lothar, Bismarck, Berlin 2008, S. 733

[C1] Bismarck, a.a.O., S. 434
[C2] Radek, Karl, Der deutsche Imperialismus und die Arbeiterklasse, Bremen 1912, S. 24
[C3] Wilhelm II., Ereignisse und Gestalten 1878-1918, Wolfenbüttel 2012, S. 9f
[C4] Robolsky, Hermann, Bismarck und Russland, Berlin 1887, S. 137f

[D1] Vertrag zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, Frankreich, Großbritannien, Italien, Rußland und dem Ottomanischen Reich vom 13. Juli 1878, Quelle: Wikisource Stand 17.1.2019
[D2] Stern, Fritz, Gold und Eisen, München 2008, S. 474
[D3] Rimscha, Hans von, Geschichte Russlands, Darmstadt 1970, S. 469
[D4] Die Große Politik der europäischen Kabinette 1871-1914 Akten des Auswärtigen Amtes, Berlin 1926, Bd. III, Nr. 455, S. 94
[D5] Robolsky, Hermann, a.a.O., S. 173f
[D6] Gall, Lothar, Bismarck, Berlin 2008, S. 734ff
[D7] Engelbert, Ernst in Lehrbuch der Deutschen Geschichte Bnd. 8, Berlin 1965, S. 206ff
[D8] Conte Corti, Egon Caesar, Unter Zaren und gekrönten Frauen, Salzburg, Leipzig 1936, S. 314
[D9] ebd. S. 313
[D10] Engelbert, a.a.O., S. 203
[D11] Wilhelm II., The Kaiser’s Memoirs, New York, London 1922, S. 15
[D12] ebd. S. 16f.