Der DLF und die Eröffnung des Reichstages.

Vor 100 Jahren wurde der Deutsche Reichstag eröffnet. Aus Anlaß dieses Jahrestages brachte der Deutschlandfunk ein Kalenderblatt, unter dem Titel „Selbstfeier der Regierenden“.

Darin findet die Gründung des Reichstages im luftleeren Raum statt, d.h. Vergleiche mit Frankreich, Österreich, dem Vereinigten Königreich oder Rußland werden nicht angestellt.

In der einführenden Zusammenfassung greift der Autor selbst zur Lüge, sofern man annehmen möchte, daß der dort fehlende Bezug zur Eröffnungsfeier nicht einer Schreibschwäche geschuldet ist sondern Kalkül ist: „Bismarck machte… die Volksvertreter zu Statisten.“ Wir können froh sein, daß Bismarck dies nicht gelang.

Bismarcks Schwierigkeiten seine Politik gegen die Mehrheiten im Reichstag durchzusetzen sind legendär. Sein Schwenk von den Konservativen zum Zentrum ist jedem Historiker ein Begriff. Bismarcks Verzweiflung an dem Parlament endeten in seinem Versuch, die Thronbesteigung Wilhelms II. zu nutzen, den Reichstag auszuschalten.

Kaiser Wilhelm II. setzte daraufhin Bismarck ab.

Die Rolle des preußischen Militärs mochten die Organisatoren der Feierlichkeiten besser eingeschätzt haben als im Kalenderblatt vorgegeben. Moltke, der den Herrschaften die Reichsinsignien vorantrug, war kein Freund Bismarcks und hätte ihm eher als Mahnung dienen können, seinen Egotripp in Grenzen zu halten. Das Militär in Preußen hatte zu unterschiedlichen Zeiten eine unterschiedliche Bedeutung. Man erinnere sich eines Boyen, der aus Protest gegen die Karlsbader Beschlüsse sein Amt als Verteidigungsminister niedergelegt hatte.

So spielt denn der Autor mit kleindeutsch-großpreußischer Nationalstaat auf das großdeutsche Projekt eines österreichischen Hampelmannes an. Preußen war kein Nationalstaat. In Preußen lebten viele Nationalitäten.

Militärs im besten preußischen Sinne waren v. Schleicher und v. Bredow. Beide setzten ihr Leben im Kampf gegen das Hitlerregime ein und wurden erschossen. Die preußische „Militärmonarchie“ verfügte über klügere und mutigere Köpfe als der Deutschlandfunk heute.

Die Volksversammlung in der Paulskirche mit dem Reichstag zu vergleichen, geht gar nicht, weil es 1848 kein Deutsches Reich gab, wohl aber eine österreichische Großmacht im Deutschen Bund, in der der Kaiser an Gottes Stelle die Macht über seine Schäfchen ausübte. Die gute katholische Kirche legitimierte den sich ihr unterwerfenden Kaiser von Österreich den Absolutismus bis zum Bankrott SEINER Länder auszuleben.

Der Kulturkampf ging nicht von Preußen aus, sonst hätte es ihn in der Schweiz nicht gegeben. Er war der verzweifelte Versuch des Papstes den Machtverlust des Vatikans zu stoppen und hat nichts mit dem Deutschen Reichstag zu tun.

Daß das Paulskirchen-Parlament keinen Bestand haben konnte lag an den erwähnten äußeren Rahmenbedingungen, wie auch an der „Revolution von 1848“ auf die das rheinische Kapital (Hansemann) verzichtet, nachdem der König von Preußen sein Münzrecht, d.h. die Preußische Bank aufgegeben hatte.

Bismarcks Kulturkampf galt nicht dem Zentrum, wie im Deutschlandfunk suggeriert wird, sondern dem Papst der die Verträge Preußens mit der katholischen Kirche aufkündigte und aufgrund des selbst diagnostizierten Unfehlbarkeitswahns in Preußen schalten und walten wollte wie in Österreich. Wollen wir heute, daß der Papst bestimmt was an Schulen und Hochschulen gelehrt werden darf? Wir wollen das heute nicht aber wir verdammen den Kulturkampf?

Nach dem Kulturkampf konnte sich Bismarck in Teilen seiner Politik auf das katholische Zentrum verlassen und tat das auch. Die Ausgrenzung von politischen Gegnern ist keine Erfindung Bismarcks und die Sozialistengesetze klingen in den heutigen Ohren furchtbar, weil sie damals auch der SPD galten, die zu dieser Zeit allerdings nicht die SPD von heute war, sondern eine sozialistische Partei, wie sie vergleichbar mit der LINKEN ist.

Ausgrenzung findet auch heute statt. Regelmäßig nach wichtigen Wahlen in der Bundesrepublik Deutschland hören wir den Satz des Wahlsiegers:

„Wir werden mit allen demokratischen Parteien über die Bildung einer neuen Regierung reden.“

Man redet nicht mit der LINKEN, tat auch Bismarck nicht und findet daran keinen Anstoß.

Die Ausgrenzung der politischen Gegner als Reichsfeinde „vergifteten“ das politische Klima im Kaiserreich nachhaltig.

Andererseits geht der Kulturkampf weiter. Die Katholische Kirche ist eine einflußreiche Größe in der Politik und wird als solche wegen Verfehlungen einzelner Würdenträger von der Presse zum Abschuß freigegeben, was aber auch daran liegen könnte, daß der gegenwärtige Papst von christlichen Motiven geleitet ist.

Und ich schreibe nicht, daß der Deutschlandfunk das politische Klima „vergiftet“, so bescheiden meine Ausdrucksfähigkeit auch sein mag, das Niveau dieses Senders tue ich mir nicht an, ich schreibe daß der Deutschlandfunk das politische Klima in Deutschland schädigt,
– indem er sich einer wohl kalkulierten, auf das Unbewußte abzielenden Rhetorik bedient, die einen offenen Blick auf die Ereignisse verhindern,
– indem er ausgrenzt, was nicht ins politische Konzept paßt, Linke, Rechte, Querdenker, Verfassungsfreunde und Verfassungsfeinde. Er tut dies nicht nur und wesentlich subtiler als das der Autor des Kalenderblattes vermag, denn er bangt um die Hörerschaft.

Die beste Propaganda taugt nichts, wenn sie den Hörer oder Leser vergrault.

Mich wundert, daß sich diese Hörerschaft des Deutschlandfunks mittlerweile aus Menschen rekrutieren soll, die
a.) nicht in der Lage sind, anhand der vom Autor gewählten Sprache die mit dieser Arbeit verfolgte Absicht zu erkennen,
b.) über keinerlei eigene historischen Kenntnisse verfügen; denn selbst dem gutmütigsten historisch einigermaßen bewanderten Hörer müßten die groben Schnitzer des Beitrages auffallen,
c.) die geistig nicht in der Lage sind, die sich allein aufgrund des Kontextes ergebenen Widersprüche zu erkennen.

Grundsätzlich:
Mir ist es gleich, ob jemand lügt oder unwissentlich eine falsche Behauptung aufstellt oder sich auch nur der Fakten insoweit bedient, den gewünschten Gesamteindruck herzustellen, doch denjenigen die dies tun, sollte es nicht gleich sein, denn sie verlieren auf kurz oder lang ihre Orientierung, d.h. die Fähigkeit sich an den tatsächlichen Geschehnissen zu orientieren und landen in einer Fiktion, die sie als journalistisches Werkzeug unbrauchbar werden läßt. Mir soll’s recht sein.

Journalismus und Medizinmänner.

Der Medizinmann wirft die Knochen in die Luft. Sie fallen auf die Erde zurück und geben ein Muster ab, das angeblich dem Medizinmann die Zukunft offenbare, die er dann dem, auf die Knochen schielenden, Publikum, mitteilt.

Die Knochen sind die Gefäße, der Medizinmann der Journalist und das Publikum ist der Depp.

Das Ritual selbst ist fauler Zauber, wenn auch nützlich, die Ansichten der sich Zauberer dünkenden Kaste von Pharisäern und Schriftgelehrten und deren Absichten zu erkennen.