Stuttgart 2020.

Unsere Kinder greifen zu Drogen, zerschlagen Schaufensterscheiben, demolieren Polizeiautos und sollen die Zukunft unseres Landes mitgestalten!

Machen wir es uns leicht und schieben wir die Verantwortung auf die Jugendlichen, auf die Drogen, die Eltern schieben sie auf die Lehrer und die Lehrer auf die Eltern. Wie kann es geschehen, daß im Musterländle 500 Jugendliche unterschiedlichster Herkunft gemeinsam aktiv wurden. Die ethnische Prägung war kein Hindernis vereint vorzugehen. All jenen, die den Rassismus schüren, sei das eine Warnung.

Was wäre das für eine Welt, in der es gelänge, dies Zusammenwirken einem konstruktiven Ziel gewidmet zu sehen?
Was läuft in den Köpfen derjenigen falsch, die für die Erziehung und Bildung unserer Kinder verantwortlich sind?
Wo ist der Raum, den wir den Kindern und den Jugendlichen überlassen? Hier sponsert kein Staat, kein Land auch nur einen Euro, um ihnen die Möglichkeit zu geben, wenigsten unter der Erde ihren Bahnhof zu bauen.

Junge Menschen wollen mitgestalten, ihre Ideen zur Entfaltung bringen. Die Schule wäre ein guter Ort, müßte man die Zeit nicht dafür opfern, einen Stoff auswendig zu lernen, dessen Notwendigkeit durch nichts weiter als durch die Benotung und das Lächeln der Kindergärtnerin deutlich wird. Es fehlt nicht nur der Praxisbezug, es fehlt auch die Praxis.

Sind wir stolz auf unser duales Ausbildungssystem, selbst wenn die auszubildenden Betriebe dabei sind, den Zug der Zeit zu verpassen. Doch wo lernen Gymnasiasten das Forschen? Wo vermag sich ein jugendlicher Laie gleich welchen Fachs einzubringen. Bolzplatz ist die Antwort, abreagieren in jedem Fall. So lernt man sich in der Gruppe durchzusetzen und benutzt das Hirn dazu, im Team die Muskulatur aufs Beste einzusetzen; was denn auch in Stuttgart geschah. Wo sind die musischen Fächer? Wo lernt man das selbstständige Denken, die Propädeutik der Philosophie?

Welche Perspektive eröffnen wir jenen, die in der Schule nicht die geforderten Noten abliefern konnten? Wir nennen sie Verlierer. Wir haben sie bekriegt und besiegt! Alternativ könnte man herausfinden, worin das Besondere, die besondere Fähigkeit der Jugendlichen liegt, die den Normen des Bildungssystems nicht entsprochen haben. Mein Respekt gilt jedem Sozialarbeiter, doch nicht wenige von ihnen wissen, daß der Reperaturbetrieb für Menschen – den sie darstellen – nichts am Unvermögen unserer Gesellschaft ändert, auch jene, verlorene Jugendliche ihren Fähigkeiten gemäß einzubinden.

Außer Vernachlässigung, Abrichtung und Bemutterung gibt es die Möglichkeit, unsere Kinder ihrem Vermögen nach Verantwortung zu übertragen. Schärfere Gesetze, Lümmelverbot vor dem Bahnhof, Alkoholverbot in der Öffentlichkeit ändern, abgesehen vom Schüren des Zorns der von den Maßnahmen Betroffenen, nichts, schützt aber den bedrohten Mittelstand davor, die soziale Wirklichkeit wahrzunehmen. So kann man sich weiter vom Elend abgrenzen und hoffen man selbst bliebe vor einem solchen Schicksal verschont.

Das Elend aus der Öffentlichkeit verdrängen, heißt es aus dem Bewußtsein zu verdrängen, um trotz Leugnung seiner sozialen Verantwortung mit einem guten Gefühl einschlafen zu können. So tragen wir guten Leute selbst zur Spaltung der Gesellschaft bei.

Frank Zander, Du bist ein Held!

Für den Rest gilt: erst einmal hinschauen und zu versuchen den Anderen als Menschen wahrzunehmen. Das hilft mehr als eine Sammelorgie. Letztere dient unsrer eigenen Eitelkeit.

Abgesehen von einer Reform des deformierten Bildungssystems, bedarf es einer Polizei, die lernen muß, ihre Prioritäten, unter Berücksichtigung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, zu setzen.

Es bedarf einer arbeitsfähigen Justiz und praktikabler Gesetze.