Schach in China.

Frankreich und Rußland.

Nachdem Frankreich seinen Krieg gegen den Norddeutschen Bund verloren hatte, Elsaß-Lothringen dem Deutschen Reich als Puffer gegen künftige französische Überfälle angegliedert wurde, wendet sich Frankreich an Rußland. Der russische Kaiser Alexander II. schätzte den Frieden und die Vernunft und ließ die französischen Bemühungen, Rußland den gemeinsamen Krieg gegen das Deutsche Reich schmackhaft zu machen, ins Leere laufen.

1875 legte Frankreich »untrügliche« Beweise vor, daß Deutschland den Krieg bereits beschlossen habe und im Frühling mit oder ohne Kriegserklärung in Frankreich einfallen werde. Etwas später wurde aus dem Frühling September. Der französische Gesandte in Moskau Leflô wurde vom Zaren empfangen, der ihm das sagte, was Leflô eh schon wußte, daß weder Kaiser Wilhelm noch der Kronprinz Krieg wünschten.
Leflô erwähnt in seinem für Decazes abgefaßten Bericht über seine Gespräche in Rußland, daß ein Herr von Radowitz dem Zaren Kompensationen im Orient versprochen habe, wenn man Deutschland ungehindert über Frankreich herfallen lasse [ 1].

Gegenüber Gortschakow sagte Alexander II., er der Zar wisse bestimmt (perinemment), daß Kaiser Wilhelm ganz entschieden gegen jeden Krieg sei („résolument opposé â toute nouvelle guerre“). Die französische Inszenierung verfehlte ihre Wirkung auch, weil die Unruhen in Bulgarien (Teil des Osmanischen Reiches) von England wesentlich wirksamer vermarktet wurden. Gladstone über die Türken: „…wherever they went, a broad line of blood marked the track behind them.“ Nach diplomatischen Vorarbeiten 1876 erklärte Rußland 1877 dem Osmanischen Reich den Krieg. Am 1. März 1881 wurde Zar Alexander II. von der Narodnaja wolja (Volkswille) ermordet [ 2].

Ende der 1880er Jahre wanderten die russischen Wertpapieren von der Berliner zur Pariser Börse. 1891 schlossen Rußland und Frankreich einen Konsultativvertrag ab und 1892 einen militärisches Abkommen. Der sowjetische Historiker R. Sch. Ganelin schreibt über das Bündnis:
„Die Bündnisbeziehungen zwischen Rußland und Frankreich entwickelten sich so, daß Rußlands Stellung der des abhängigen Partners entsprach. Französische Kreditgeber machten profitable Kapitalanlagen in Rußland, und die französische Regierung diktierte Rußland die Bedingungen ihrer Verwendung, die Frankreich nicht nur in kommerzieller, sondern auch in strategischer Hinsicht nützlich waren.“ Eisenbahnlinien sollten z.B. gegen Deutschland und England(?) gerichtet sein [ 3].

Japanisch-chinesischer Krieg.

1894 kam es zu pro-westlichen Aufständen in Korea. Die koreanische Regierung bat China um militärische Unterstützung. Daraufhin schickte Japan ein Expeditionskorps nach Korea, das am 8.Juni 1894 den königlichen Palast besetzte und am 23. Juli 1894 Seoul. Koreas König wurde gefangen genommen.

Chinesische Truppen versuchten den japanischen Vormarsch vergeblich aufzuhalten. Die Japaner rückten aus der Mandschurei auf Peking vor. China gab sich geschlagen und stimmte am 17. April 1895 dem Friedensvertrag von Shimonoseki zu. Formosa (Taiwan) und die Liaodong-Halbinsel sollten an Japan fallen. Zudem hatte China 200 Mio. Silber-Taels als Kriegsentschädigung zu zahlen, Geld, das China nicht hatte und das es sich im Ausland leihen mußte [ 4].

In Deutschland war der Entschluß, seinen Handel mit China dem britischen Wohlwollen zu entziehen und einen eigenen Handels- und Militärstützpunkt zu errichten, längst gefaßt. Wo dieser Stützpunkt zu errichten wäre, darüber bestand keine Einigkeit. Japans militärische Überlegenheit ließen allerdings die Furcht aufkeimen, daß China einer Dominanz unterliegen könne, durch die der Zugang zum chinesischen Markt eingeschränkt werden würde. Das Deutsche Reich sah seine Interessen gefährdet und bemühte sich um ein mit Rußland, Frankreich und Großbritannien koordiniertes Vorgehen.

Allein Großbritannien scherte aus, was durch die nachfolgenden Ereignisse (Ambitionen auf das Jangskiang-Gebiet, Lieferungen moderner Kriegsschiffe an Japan, britisch-japanisches Bündnis) erklärlich wird. Auf Empfehlung Brandts, des früheren Gesandten in China, entschied Kaiser Wilhelm II. ohne britische Beteiligung vorzugehen [ 5].
Am 23. April 1895 forderten die Vertreter Rußlands, Frankreichs und des Deutschen Reiches Japan dazu auf, auf festländische Erwerbungen in China zu verzichten [ 6]. Japan war genötigt, sich von der Liaodong-Halbinsel zurückzuziehen.

Dafür, daß die deutsche Haltung in Rußland zu keiner nachhaltigen Besserungen seiner Beziehungen zum Deutschen Reich führen sollte, sorgte Frankreich, das mit Rußland im Schlepptau hinter dem Rücken Deutschlands eine Anleihe in China platzierte. Der russische Minister Fürst Lobanow erklärte, daß Frankreich eine Anleihe mit deutscher Beteiligung nicht wollte [ 7]. Auch Großbritannien registrierte, die Grenzen seiner Macht.

1886 wurde der Zar ehrehalber zum deutschen Admiral ernannt und Tirpitz brachte in Wladiwostok in Anwesenheit russischer und französischer Offiziere der Kriegsmarine einen Trinkspruch auf den Zaren aus. Damit schockte er die russisch-französische Gesellschaft, deren kriegerisches Weltbild durch das deutsche Wohlwollen für den Zaren dennoch nicht erschüttert wurde [ 8].

Tsingtau.

Zu Ostern 1896 erhielt Alfred von Tirpitz das Kommando über die ostasiatische Kreuzerdivision. Einer seiner Aufträge war es, einen Stützpunkt ausfindig zu machen, um einen wirtschaftlich-militärischen Stützpunkt errichten zu können [ 9].

»An der Aufschließung Chinas für den Welthandel beteiligte sich deutsche Arbeit an führender Stelle, durfte aber bei der Mandschuregierung auf kein besonderes Verständnis dafür rechnen, daß Deutschland ein freundschaftliches Interesse an der Aufrechterhaltung der chinesischen Unabhängigkeit besaß [10]

Der Zugang des deutschen Handels erfolgte über die britische Kolonie Hongkong. Von Hongkongs Werften und Bunkern war auch die deutsche Marine abhängig. England hatte aber kein Interesse sich in einem fairen Wettbewerb dem deutschen Konkurrenten zu stellen.

Saturday Review vom August 1895: „Wir Engländer haben bisher stets gegen unsere Wettbewerber bei Handel und Verkehr Krieg geführt. Unser Hauptwettbewerber ist heute nicht mehr Frankreich, sondern Deutschland.“

Tirpitz konnte einen von drei ihm vorgegebenen Standorte für den Stützpunkt wählen: Amoy, die Samsabucht oder die Tschusan-Inseln. Tirpitz wählte Tsingtau.

Der deutsche Sinologe Ferdinand Freiherr von Richthofen hielt die Kiautschou-Bucht, an der Tientsin gelegen ist, am geeignetsten zur Errichtung einer deutschen Niederlassung.

Anders dachte der frisch eingetroffene deutsche Gesandte von Heyking, der Berlin vorgab, sich mit Tirpitz auf die Einnahme von Amoy geeinigt zu haben.

Nun ließ Kaiser Wilhelm II. einen Sachverständigen zu sich kommen, der mit seinen Argumenten die Wahl Tirpitz bestätigte [11].

Waffen für China im Dienste der katholischen Mission.

Nachdem in der ersten Hälfte des 19. Jhdts. 25% der chinesischen Bevölkerung durch das britische Empire unter Opium gesetzt worden war, begann sich das Land zu wehren. Die sogenannte Selbststärkungsbewegung entwickelte sich zur bedeutendsten politischen Richtung in China. Ihr erstes Ziel war die Aufrüstung des Landes mit modernen Waffen und die deutsche Rüstungsindustrie half ihr dabei [12][13].

Li Hongzhang: »Das deutsche Militärwesen und die deutsche Politik sind vorbildlich und lauter. Die deutschen Schiffe und Waffen sind hervorragend und makellos [14]

Eine katholische Mission geleitet von einem bayrischen Missionaren unter französischem Protektorat fand Unterstützung bei dem 1890 ernannten deutschen Vize-Konsul in Tianjin Albert Evan Edwin Reinhold Freiherr von Senckendorf und dem deutschen Gesandten in Peking Max von Brand; beides auch Mittelsmänner der deutschen Rüstungsindustrie und nicht ohne Einfluß in der chinesischen Administration. Sie verhalfen der Mission dazu, ihren missionarischen Eifer auf das Gebiet Yanzou auszudehnen. In der Nähe von Yanzou befinden sich die Geburtsorte der großen chinesischen Gelehrten Konfuzius und Menzius [15].

Konflikte mit der Bevölkerung waren vorprogrammiert.

Am 1. November 1897, die Ermordung zweier deutscher Missionare in China als Vorwand verwendend, erfolgt der Befehl zur sofortigen Besetzung der Kiautschou-Bucht. Das ostasiatische Geschwader (S.M.S. Kaiser, S.M.S. Prinzess Wilhelm und S.M.S. Cormoran) besetzt unter dem Befehl des neuen Konteradmirals Otto von Diederichs die Bucht.

Um 2:30 Uhr ließ Diederichs die deutsche Flagge »mit drei Hurrahs auf seine Majestät den Kaiser» hissen und erließ folgende Proklamation: »Ich, der Chef des Kreuzergeschwaders, Kontreadmiral v. Diederichs, mache hiermit bekannt, daß ich auf Allerhöchsten Befehl seiner Majestät des deutschen Kaisers die Kiautschoubucht und die vorliegenden Inseln … besetzt habe. Dies geschieht, um Bürgschaft zu haben, für die Erfüllung der Sühneforderungen, welche an die chinesische Regierung wegen der Ermordung deutscher Missionare in Shantung gestellt werden müssen [16]

Das Gebiet gedachte Berlin von China zu pachten. »Die Form der Pachtung hatte ich mir schon in Ostasien so zurechtgelegt, daß sie möglichst wenig nach gewaltsamem Eingriff aussah und den Chinesen erlaubte, ihr Gesicht zu wahren; zuletzt habe ich den Pachtvertrag in Berlin gemeinsam mit Herrn v. Holstein aufgesetzt [17]

Die Größe der Fläche des deutschen Pachtgebietes entsprach der Fläche Hamburgs (1896). Tsingtau war damals ein Fischerdorf. Das Marineamt kam dem Bodenspekulantenunwesen zuvor und kaufte selbst die Grundstücke direkt vom Besitzer. Den Menschen wurde zugebilligt, sie weiterhin, bis zur Nutzung durch das Marineamt, bewohnen zu dürfen [18].

Das eigentliche Pachtgebiet bildeten Bucht, Inseln und die Landzungen bei Tsingtau. In einem Gebiet von 50 km im Unkreis zur Bucht (mit den Städten Kiautschou, Tsi-mo und Kau-mi) versichert die chinesische Regierung „keine Maßnahmen ohne Zustimmung der deutschen Regierung“ zu ergreifen, „insbesondere einer notwendigen Regulierung der Wasserläufe keine Hindernisse entgegensetzen“. Zudem erhielten die deutschen Truppen für diese Zone ein Durchmarschrecht.

„Die chinesische Regierung gestattet den Bau einer Eisenbahn von Kiautschou aus zunächst nordwärts und dann westwärts bis zum Anschluß an das projektierte große chinesische Eisenbahnnetz.“ Die Bahn soll die Kohlenfelder von Weih-sien, Poschan und Itschoufu aufschließen. Die Ausbeutung der Kohlefelder soll deutschen Unternehmen übertragen werden [19].

Tsingtau wurde auf Tirpitz Drängen hin nicht dem Kolonialamt, sondern dem Reichsamarineamt unterstellt. Die Marine verfüge ausreichend über Fachpersonal, die schnelle, unbürokratische Entwicklung des Ortes zu gewährleisten. Der deutsche Forschungsreisende Hesse-Wartegg bedauerte, daß den beiden ermordeten Missionaren ‚die mit ihrem Blute dem Vaterland eine Kolonie erkauft haben‘, kein Denkmal gesetzt hatte [20].

Dem deutsch-chinesischen Pachtvertrag über Tsingtau 1898 folgten der russisch-chinesische Pachtvertrag über die Liaodung-Halbinsel (Port Arthur), der britisch-chinesische Pachtvertrag über die New Territories/Hongkong und Weihaiwei und der französisch-chinesische Pachtvertrag über Guangzhouwan in Südchina.

Germans between the fronts.

Ebenfalls 1886 leitete China mit den »Hundert-Tage-Reformen« die Modernisierung des Landes mit dem Ergebnis ein, das die
Kaiserinwitwe Tzu-hsi (Cixi) zu einem Staatsstreich veranlaßte.
Über China fielen Horden christlicher Missionare her, die im Gegensatz zu den seit Jahrhunderten geduldeten Franziskanern, der chinesischen Kultur den gebührenden Respekt verweigerten.
1900/01 kam es zum Boxeraufstand. Die chinesische Regierung hielt sich bedeckt und eine „Horde wilder Nationalisten“ mordete erst chinesische Christen (insgesamt ca. 30 000 Tote) und später auch die ausländischen Christen (insgesamt ca. 300 Tote). Frankreich und Rußland schlossen sich zusammen und beabsichtigten unter russischem Oberbefehl ihre Soldaten gegen die Aufständischen Yihetuan (Boxer) in Marsch zu setzen [21].

Telegramm an das Auswärtige Amt in Berlin:
 
St. Petersburg, den 9. Juni 1900

 
Im Asiatischen Departement sieht man der Entwickelung der chinesischen Verhältnisse mit einiger Besorgnis entgegen. Ich hörte heute dort die Ansicht aussprechen, daß man schließlich mit den gemeinsamen Kontingenten der fremden Staaten gegen die Massen der Aufständischen nichts werde ausrichten können und Rußland genötigt Truppenmassen aus Port Arthur heranzuziehen, die in zwei Tagen in Taku sein könnten.

 
Tschirschky

 
Randbemerkung Kaiser Wilhelms II.:
Das wäre ja ausgezeichnet und würde zur Klärung der Lage beitragen [22].

 

In London klingelte derweil die Alarmglocke. Wagte es doch eine Allianz die britischen Ambitionen in China infrage zu stellen. Deutschland wurde von den Engländern umgarnt, die bereits schon in Südafrika ein Schlachtfeld eröffnet hatten:
»In England zeigt sich schon jetzt gegenüber Rußland eine gewisse Ängstlichkeit und damit die Tendenz, uns gegen Rußland vorzuschieben,… [23]

v. Brand: »Ich möchte für den Augenblick die Sache nicht so ernst auffassen, wie sie scheint. Vor allem glaube ich nicht an eine Gefahr der Gesandtschaften [23] Anfang Juni 1900 wird der deutsche Gesandte in Peking Klemens Freiherr v. Ketteler ermordet.

Aufs Glatteis geführt.

»Seine Majestät haben an den Kaiser von Rußland und die Königin von England Telegramme gerichtet, in denen allerhöchstdieselben diesen Souveränen die Entsendung der Panzerdivision und die möglicherweise bevorstehende Entsendung der Freiwilligen-Spezialdivision mitteilen und hierbei der Hoffnung auf treue Waffenbrüderschaft mit den russischen bzw. englischen Streitkräften Ausdruck geben, Seine Majestät halten daran fest, daß eine Teilung und selbst zu weitgehende Erschütterung des Chinesischen Reichs vermieden werden muß, betrachten jedoch die Aufgabe, Peking zu entsetzen und die Ordnung in China wiederherzustellen als eine sehr ernste… [24]«

Kaiser Wilhelm II.: »Rußland wird sich nicht scheuen, wenn möglich den bluttriefenden Mordgesellen Prinzen Tuang zu umwerben, mit seiner Hülfe sich Vorteile zu erringen und womöglich uns anderen Ausländern ernste Schwierigkeiten zu bereiten. Die Meldung aus Tientsin von dem Zank der Engländer und Japaner mit den Russen, der einen notwendigen Angriff gegen feindliche Batterie unmöglich gemacht hat, ist das Bodenloseste von Interessenpolitik, was wohl je in der Kriegsgeschichte vorgekommen ist [25]

Das Deutsche Reich handelt und entsendet eine Marinedivision nach China, dessen
Verabschiedung in Bremerhaven von Kaiser Wilhelm II. den Aufständischen in China ihr Ende in einer derart eindrucksvollen Weise schildert, daß sie von Generationen angelsächsicher Journalisten, gegen Deutschland gekehrt, verwendet wurden, zunächst den ersten Weltkrieg einzutrommeln. Die Hunnen sind geboren. Peking war bereits von den sich vor Ort spontan zusammenschließenden
ausländischen Truppen – unter ihnen das deutsche Detachement unter Führung des Oberleutnants von Soden mit 50 Mann des III. Seebataillons – befriedet, als der Oberbefehlshaber der internationalen Truppen Generalfeldmarschall Graf von Waldersee am 25. Sept. in China eintraf [26].

Das Jangtsekiang-Abkommen.

Eine ernste Bedrohung der chinesischen Integrität, bzw. für die Interessen Deutschlands an einem freien Zugang zu dem chinesischen Markt, bestand in dem Versuch Englands, sich Sonderrechte für das Gebiet um den Jangtsekiang anzueignen. Der US-amerikanische Außenminister John Hay forderte die Etabllierung eines Prinzip der offenen Tür für den Handel und andere wirtschaftliche Tätigkeiten in China.
Am 22. August 1900 traf Kaiser Wilhelm II. mit dem Prinzen von Wales und dem englischen Botschafter Sir Frank Lascelles in Kassel Wilhelmshöhe zusammen und erklärte, die Herstellung gleicher Bedingungen für alle in China engagierten Staaten für ein Gebot der Vernunft. Reichskanzler v. Bülow ließ auf Anregung des deutschen Botschafters Hatzfeld Verhandlungen nur mit England führen, was zu einem Ergebnis führte, dessen Interpretation im Auge des Betrachters liegt [27].

Am 1. Okt. 1900 schlossen England und das Deutsche Reich das Jangtsekiang-Abkommen ab. Nach Artikel III dieses Vertrages war Deutschland verpflichtet, zur vorgängigen Verständigung mit dem Londoner Kabinett der zur Wahrung beidseitiger Interessen zu ergreifenden Maßnahmen, wenn eine dritte Macht die Verwickelungen in China zur Erlangung territorialer Vorteile daselbst benutzen sollte. Rußland hatte in Tientsin zwischen 1900 und 1901 ein „Settlement von wirtschaftlichem Charakter“ errichtet. Jetzt legte London Beweise vor, die belegen sollten, daß Rußland eine territoriale Annektion plane [28].
Später beschwerte es sich, daß englische Eisenbahnpläne durch russische Ansprüche behindert würden. Deutsche Anfragen an St. Petersburg wären laut Lord Lansdownes nur nach vorheriger Beratung mit London erlaubt [29].

Es sei die Aufgabe des Oberbefehlshabers der internationalen Streitkräfte Graf von Waldersee, so Lascelles, Streitigkeiten der in Chinas aktiven ausländischen Staaten beizulegen. England sähe vorerst von einem militärischen Schlag gegen die Russen in Tientsin ab. Von dieser Aufgabe wußte man auf deutscher Seite noch nichts und Kaiser Wilhelm II. schlug vor anzufragen, was die Engländer denn bereit wären zu geben, wenn der deutsche Oberkommandierende v. Waldersee diese Aufgabe übernehme. Es gelang deutschen Vermittlern, diesen Konflikt gütlich zu regeln. Doch das Empire stellte schon die nächste Aufgabe, die in den Zuständigkeitsbereich Deutschlands fiele: Die Mandschurei. Auch davon hatte bei Vertragsunterzeichnung kein Deutscher etwas geahnt.

Nachdem der Boxeraufstandes auf die Mandschurei übergegriffen hatte, wurde sie von den russische Truppen besetzt. 1901 schlossen Russland und China ein Abkommen über der Zukunft dieses Gebietes und England war nicht dabei, sein Verbündeter in spe Japan stand Gewehr bei Fuß [30].

Der russisch-japanische Krieg – Zeitfenster des Friedens.

Nach Beendigung des chinesisch-japanischen Krieges verstärkte Japan die Rüstungsanstrengungen. Seine Kriegsvorbereitungen wurden von England und den USA unterstützt [31]. So überführte die britische Marine die zwei in Italien gebauten Kreuzer „Kasuga“ und „Nischin“ nach Japan [32].
Die seinerzeit zwischen China und Rußland getroffenen Vereinbarungen über die Mandschurei, wurden auf englisch, amerikanischen und japanischem Druck hin von China nicht ratifiziert. Rußland baute seine militärische Präsenz in der Region aus und verstärkte seine Flotte. 1902 kam es zum Abschluß des englisch-japanischen Bündnisvertrages. Japan sprach im Sommer 1903 in St. Petersburg vor, in beiderseitigem Interesse eine Regelung für die Mandschurei und Korea zu finden. Rußland vertrat den Standpunkt, darüber mit keiner anderen Macht als mit China verhandeln zu wollen.

Am 8./9. Februar unternahm der japanische Vizeadmiral Togo einen Überraschungsangriff auf die vor Port Arthur liegende russische Flotte, der Dank des englischen Mitgliedes in seinem Stab, erfolgreich verlief [33]. Die erste japanische Armee überschritt am 1. Mai den Yalu, die 2. Armee wurde nachgezogen. Im August griffen die japanische Armee Port Arthur an, verlor 16 000 Mann und ein Waffenstillstand wurde vereinbart. Beide Seiten rüsten nach und Rußland setzte am 15. Oktober 1904 seine Ostseeflotte nach China in Marsch.

Der russische Kaiser Nikolaus II. schlägt Kaiser Wilhelm II. in seinem Telegramm vom 29. Oktober 1904 den Abschluß eines Bündnisvertrages vor [34]. Auf Initiative Kaiser Wilhelm II. berief der Reichskanzler am 31. Oktober 1904 eine Sitzung zur Erörterung eines deutsch-russischen Bündnisses ein. Wilhelm II. schlug Nikolaus II. vor, England militärisch unter Druck zu setzen, um Frankreichs Entscheidung für den Beitritt zum geplanten deutsch-russischen Bündnis zu erzwingen. Frankreich war nicht in der Lage, auf sein in Rußland angelegtes Geld zu verzichten.

»In dieser Weise wird hoffentlich unser Vertrag seinen Zweck erfüllen, den Frieden Europas zu erhalten [35]

Quellen:

 
[ 1] Robolsky, Hermann, Bismarck und Russland, Berlin 1887, S. 163f
[ 2] Ganelin, R. Sch., Geschichte der UdSSR Teil 1, Moskau 1977, S. 273f
[ 3] ebd. S. 309
[ 4] Spallek, Bettina, Der Erste Japanisch-Chinesische Krieg (1894-1895) auf www.animepro.de Stand: 6.9.2019
[ 5] Meinecke, Friedrich, Geschichte des deutsch-englischen Bündnisproblems 1890-1901, München, Berlin 1927, S. 26f
[ 6] ebd. S. 28f
[ 7] ebd. S. 30
[ 8] Tirpitz, Alfred von, Erinnerungen, Leipzig 1919, S. 64
[ 9] ebd. S. 60
[10] ebd. S. 61
[11] ebd. S. 65
[12] Chunxiao Jing, Mit Barbaren gegen Barbaren der Reihe: Europa-Übersee Bd. 13, Münster 2002
[13] Graichen, Gisela u. Gründer, Horst, Deutsche Kolonien, Berlin 2007, S. 219ff
[14] ebd. S. 222
[15] ebd. S. 213
[16] Franzius, Georg, Kiautschou. Deutschlands Erwerbung in Ostasien, Berlin 1898, S. 132
[17] Tirpitz, Alfred von, a.a.O., S. 65
[18] ebd. S. 66
[19] Franzius, Georg, a.a.O., S. 136f
[20] Graichen, Gisela u. Gründer, Horst, a.a.O., S. 216
[21] Ganelin, R. Sch., a.a.O., S. 310
[22] Auswärtiges Amt (Hg.), Die Grosse Politik der Europäischen Kabinette 1871-1914, Berlin 1924, S. 9
[23] ebd. S. 16
[24] ebd. S. 33
[25] ebd. S. 46
[26] Graichen, Gisela u. Gründer, Horst, a.a.O., S. 218
[27] Meinecke, Friedrich, a.a.O., S. 165f
[28] Auswärtiges Amt (Hg.), a.a.O., S. 303
[29] ebd. S. 292
[30] ebd. S. 312
[31] Ganelin, R. Sch., a.a.O., S. 310
[32] Tirpitz, Alfred von, a.a.O., S. 148
[33] ebd. S. 143
[34] Goetz, Walter (Hg.), Briefe Wilhelms II. an den Zaren 1894-1914, Berlin 1920, S. 138
[35] ebd. S. 144