Hydra.

Die Burschenschaft.

1810 arbeiteten im Auftrag des geheimen „Deutschen Bundes“ Friedrich Friesen und Friedrich Ludwig Jahn Pläne zur Gründung einer deutschen Burschenschaft aus. Ähnlich gesinnte Studentenverbindungen entstanden auf Anregung Ernst Moritz Arndt in Gießen, Heidelberg und Marburg. Der 1814 im Rhein-Main-Gebiet von Wilhelm Snell und Karl Hofmann gegründete Geheimbund der „Deutschen Gesellschaften“ strebte, unterstützt vom preußischen Staatskanzler Hardenberg, eine Einigung Deutschlands mit freiheitlicher Verfassung unter preußischer Führung an.

In Jena gingen am 12. Juni 1815 die Landsmannschaften in der so gegründeten Burschenschaft (Urburschenschaft) auf. Die Burschenschaft trat an mit dem Vorsatz: »Sichtbar muß auf den Universitäten das Volksgefühl in einer eigenen Bildung hervortreten, damit wir uns stets des gemeinsamen Vaterlandes erinnern… [ 1]«. Als Farben behielt sie gemäß des Turnvaters Rat die Farben der Lützowschen Jäger bei: Schwarz Rot Gold [ 2].

Radikaler gesinnt waren die Mitglieder der, aus der „Deutschen Gesellschaft“ hervorgegangenen, Gießener Schwarzen [ 3]:


Brüder in Gold und Seid,
Brüder im Bauernkleid,
Reicht euch die Hand!
Allen ruft Deutschlands Not,
Allen das Herren Gebot.
Schlagt eure Plagen tot,
Rettet das Land!

 

Ein begeisterter Anhänger Jahns, Robert Wesselhöft, ein Mitgründer der Burschenschaft in Jena, lud am 11. August 1817 gemeinsam mit Scheidler, Horn und Riemann (den führenden Mitgliedern der Jenaischen Burschenschaft) zum Fest auf die Wartburg [ 4]. Zur Feier des 300. Jahrestages der Reformation und der Leipziger Völkerschlacht ging ein Rundschreiben an die 13 protestantischen Universitäten.

Es kamen 468 Studenten. Jede Universität hatte zumindest einen Abgesandten geschickt. Zudem kam ein Vertreter der Studenten der Freiberger Bergakademie und der Forstakademie Tharandt.

Der Student Riemann legte wenige Monate später ein Dokument vor, in dem die Grundsätze und Beschlüsse des Wartburgfestes festgehalten sind [ 5].

»Ein Deutschland ist, und ein Deutschland soll sein und bleiben.«
Gewarnt wurde vor einem Bruderkrieg zwischen Nord- und Süddeutschland.
»Der Wille des Fürsten ist nicht Gesetz des Volkes, sondern das Gesetz des Volkes soll Wille des Fürsten sein.«
»Die Leibeigenschaft ist das Ungerechteste und Verabscheuungswürdigste. Der Mensch ist nur frei, wenn er auch die Mittel hat, sich selbst nach eigenen Zwecken zu bestimmen.«

Man forderte Rede und Pressefreiheit und erachtete es als »dringende Pflicht die Wahrheit laut zu sagen.« Deutsche Sitten wollte man einführen, was wohl nicht zuletzt durch die Entfremdung der Menschen, von den sich – in ihrem lange Zeit französischen Gehabe – von ihnen abgrenzenden Fürsten und nicht zuletzt durch das französische Regime, verursacht worden war.

Der auf dem Wartburgfest stattfindende Gedankenaustausch führte zum Jenaer Burschentag vom 10.10.1818 auf dem die Allgemeine Deutsche Burschenschaft gegründet wurde. Auch ihre Farben waren Schwarz Rot Gold, zusätzlich noch versehen mit einem Eichenzweig. Ihr Wahlspruch: »Ehre, Freiheit, Vaterland [ 6]

Es hat von reaktionärer Seite, allen voran Metternich, seit dem Wartburgfest wiederholt Bemühungen gegeben, gegen die, von den Universitäten ausgehende, Bewegung für einen deutschen Nationalstaat vorzugehen. Was Preußen anbelangt, hatte König Friedrich Wilhelm III. es unterlassen, die versprochene Verfassung rechtzeitig zu erlassen.
Der Unmut darüber wurde durch die Proteste des rheinischen Bürgertums aufgrund des desaströsen Steuer- und Zollsystem, das innerhalb Preußens den freien Warenverkehr blockierte, verstärkt.
Das rheinische Bürgertum hatte von der liberalen Gesetzgebung Napoleons besonders profitiert [ 7] Reformen sollten nun nicht mehr mit dem König durchgeführt werden, sondern gegen ihn [ 8].

Die Erarbeitung der Verfassung hatte der König zwar Hardenberg übertragen, ihre Einführung aber auf unbestimmte Zeit verschoben. Zur Beseitigung der Binnenzölle (Zollgesetz vom 11. Juni 1816) und zur Vereinfachung des Steuerrechts (26. Mai 1818) verließ sich der König vor allem auf Humboldts Expertise [ 9]. Das Tätigkeitsfeld der offiziell 1817 aufgehobenen höheren und geheimen Polizei wurde stillschweigend von Fürst Wilhelm Ludwig von Sayn-Wittgenstein erweitert [10].

Innenminister Wittgenstein und sein Polizeipräsident Kamptz nutzten die mit dem Sieg über Napoleon an sich überflüssige gewordene geheime Polizei Daten zu sammeln, die im Dienste Metternichs gegen das politisch aufgeklärte Preußen eingesetzt werden sollten.
Besonders intensiv wurde das Wartburgfest bespitzelt [11]. Friedrich Wilhelm III. ließ sich von den Räuberpistolen Wittgensteins
martern. Die den König umgebende Hofkamarilla – namentlich der Hugenotte Ancillon, die Gräfin Voß und der Herzog Karl von Mecklenburg – tat ihr Bestes Friedrich Wilhelms Vertrauen in die Politik Hardenbergs und Humboldts zu erschüttern [12] [13].

Der Aachener Kongreß vom 29. 9. bis 21. 11. 1818.

Der Aachener Kongreß diente Metternich dazu die von Rußland und Preußen geteilten Vorstellungen über die Bedeutung einer Verfassung für die sich neu konstituierenden Staaten in Mißkredit zu bringen und den Einfluß beider Staaten auf die künftige Entwicklung Europas einzuschränken.
Schon im Vorfeld verspritzte er u.a. mithilfe seines Schreiberlings Gentz und der eigens hierzu gegründeten Wiener Jahrbücher der Literatur sein Gift [14].

Möglich aber wurde der Kongress erst Dank Frankreich, das – sollten die Besatzungstruppen nicht bald das Land verlassen – den Frieden durch Stärkung radikaler Kräfte gefährdet sah.

Da der Abzug der Truppen erst nach Regelung der Reparationszahlungen erfolgen konnte, kam den „externen Beratern“: dem Londoner Bankier Baring, Laboouchère von Hope & Co., den Angehörigen des Hauses Rothschild und Gabriel-Julien Ouvrard, eine entscheidende Rolle zu. Ouvrard hatte 1804 im Auftrag Napoleons für die Sanierung des spanischen Staates gesorgt und sich dabei der Dienste von Hope & Co wie der Barings bedient [15].
Wellington hatte seinerzeit mithilfe des Hauses Rothschild die Finanzierung des spanischen Widerstand organisiert [16].

Ouvrard präsentierte die Lösung [17]:
Frankreich nimmt zur Begleichung der Schulden Staatsanleihen auf, von denen, mit Ausnahme der mit dem Geschäft beauftragten Banken, niemand profitieren sollte. Metternich hatte aber seinen Haken, die vier Mächte nach Aachen zu nötigen [18] [19], um ihnen das Wahngebilde eines bevorstehenden jakobinischen Aufstandes schmackhaft zu machen.

Treitschke:
»Er bemerkte wohl, daß seine Worte einigen Eindruck machten, doch klagte er bei seinem Kaiser über Friedrich Wilhelms bedauerliche Schwäche, da der gesunde Menschenverstand des Königs nicht sogleich an alle die Wahngebilde der österreichischen Gespensterfurcht glauben wollte. Unterdessen suchte Metternich auch den Cabinetsrath Albrecht, einen treuen, fleißigen, hochconservativen Beamten, für seine Ansicht zu gewinnen und rief sodann den zuverlässigsten seiner preußischen Freunde, Wittgenstein, zu Hilfe. Am 14. Nov. sendete er dem Fürsten von Aachen aus zwei große Denkschriften über die Lage der preußischen Staaten; beide Aktenstücke waren bestimmt, zur guten stunde durch Wittgenstein dem Könige vorgelegt zu werden,…
Unter Allem was aus Metternichs Feder floß beweist die Denkschrift über die preußische Verfassung wohl am deutlichsten die klägliche Gedankenarmuth dieses Kopfes, der nur durch seine diplomatische Schlauheit, durch die Gunst des Glücks und durch die Aengstlichkeit der anderen Höfe dahin gelangen konnte, die Welt während eines Menschenalters über seine Nichtigkeit zu täuschen [20]

Metternich verließ sich jedoch nicht auf den Theaterdonner alleine. »…Friedrich Wilhelm III. [war] eingeschüchtert, und die einzige Persönlichkeit in seinem Cabinette, Fürst Hardenberg, welche nach Gestalt der Verhältnisse den Metternich´schen Bemühungen damals entgegenwirken konnte, durch seine verwickelten Finanzverhältnisse, durch seine anstößigen Privatgeschäfte genöthigt, sich an die österreichische Partei in Berlin zu lehnen, wenn er nicht gestürzt sein wollte[21]

Daß Metternich Frankreich auswählte, dessen politische Lage er in einer Weise stilisieren ließ, die den Untergang des Abendlandes heraufbeschwor, hatte vor allem aber den Grund Kaiser Alexander I. auszumanövrieren. Der russische Kaiser wurde nicht Müde seine politischen Vorstellungen von Frankreichs Zukunft mithilfe des Prinzen von Oranien, den er gerne auf dem französischen Thron gesehen hätte, umzusetzen. In Aachen wurde er jedoch von einer Heerschar Erfüllungsgehilfen der Metternich’schen Politik vor dem Prinzen von Oranien gewarnt, der mit seinen Verbindungen zu geheimen Gesellschaften die politische Ordnung in Frankreich, Spanien, Deutschland, Polen und Rußland zerstören wolle. Den ganzen Irrsinn zu glauben, gelang Alexander nicht, wohl aber war sein Vertrauen in den Fürsten von Oranien erschüttert. Hinzu kam, daß Metternich einen Vorfall in Alexanders Lieblingsregiment Semenoff in der üblichen Weise aufbauschte, die Drohkulisse um eine Facette zu bereichern die Alexander persönlich treffen mußte.

Das Ziel des Aachener Kongresses war es, den russischen Einfluß in Europa zurückzudrängen und das Bündnis zwischen Rußland und Preußen zu untergraben, was nicht zuletzt dadurch zum Ausdruck kommt, daß Metternich, wie man hätte annehmen können, keinerlei Vorschläge unterbreiten konnte, wie der heraufbeschworene Untergang des Abendlandes abzuwenden sei [22].

Die Ermordung August von Kotzebues.

In Preußen erlangte die Ausarbeitung der Verfassung sein Endstadium. Der russische Kaiser gedachte nach seiner Abreise aus Aachen Jena einen Besuch abzustatten. Die Gießener Schwarzen radikalisierten sich unter dem Einfluß der Gebrüder Adolf, Karl und Paul Follen, die den von Lafayettes Comité Directeur beherrschten, französischen Geheimbünden nahe standen [23].

Treitschke über deren Gesinnung:

"Dem Gerechten gilt kein Gesetz, hieß es kurzab. Was die Vernunft für wahr erkennt, muß durch den sittlichen Willen verwirklicht werden, sofort, unbedingt, ohne jede Rücksicht, bis zur Vernichtung aller Andersdenkenden; von einer Collision der Pflichten kann hier nicht gesprochen werden, da die Verwirklichung der Vernunft eine sittliche Nothwendigkeit ist. Dieser Satz wurde schlechtweg als der Grundsatz bezeichnet, und nach ihm nannten sich Follens Vertraute die Unbedingten [24]."

Jesus, als Märtyrer seiner Ueberzeugungen, war der Held der Unbedingten und ihr Bundeslied mahnte dazu: »Ein Christus sollst Du werden!«

Karl Sand, Student der Theologie, war einer der Unbedingten die in dem kleinen, konspirativen Kreis des nach Jena gewechselten Karl Follen, über die Ermordung des Kaiser Alexanders von Rußland berieten. Der Unstetigkeit des Kaisers ist es zu verdanken, daß der in Weimar lebende russische Legationsrath Kotzebue ins Visier der Unbedingten geriet.

Kotzebues untertänige Schmeicheleien gegenüber dem russischen Kaiser, dessen Vorstellungen eines aufgeklärten Absolutismus er teilte, sein Eintreten für das preußische Gesetz von 1812, das den Juden, mit Ausnahme der Zulassung zu den Staatsämtern, alle staatsbürgerlichen Rechte gewährte, verbunden mit der Boshaftigkeit und Hähme mit der er den jugendlichen Idealismus der Studenten bedachte, machten ihn zu einem geeigneten Haßobjekt [25].

Am 23. März 1819 ermordet Sand Kotzebue. Am 25. März schreibt Wilhelm v. Humboldt seiner Frau von einem Zettel, den man in seiner Tasche des Mörders gefunden habe. Darauf würde zu lesen gewesen sein: »Todesurteil, vollzogen am 23. März 1819 an August Kotzebue [26]

Am 29. März 1819 schrieb Humboldt: »Das sogenannte Todesurteil, das man bei ihm [Sand] gefunden hat, ist nicht wie ich neulich schrieb, in wenigen Zeilen abgefaßt und nicht von Sands Hand, sondern ein langes, wie man sagt, mit vielem revolutionärem Bombast abgefaßtes Patent, sehr schön und nicht von Sand geschrieben [27]

Friedrich von Gentz erhielt kurz nach Kotzebues Ermordung einen Drohbrief. Er sei ein Verräter, der die Freiheit des Vaterlandes untergraben habe und deshalb zum Tode verurteilt. Doch ihm versage man die Ehre durch einen Dolch zu sterben. Er sollte durch Gift gerichtet werden.

Zweifelsfrei handelte es sich bei dem Drohbrief um einen Scherz, der allerdings von jemandem ersonnen wurde, der die Verwicklungen in denen sich Gentz zu dieser Zeit befand kannte. Man kann annehmen, daß nicht nur der Autor des Drohbriefes die Wiener Politik durchschaute.

Gentz war der von England bezahlte Premier Secretaire au Congres de Vienne [28]. Er ließ den Präsidenten der obersten Polizei und Zensurstelle in Wien Graf Josef von Sedlnitzky die Statuten und Protokolle der Burschenschaft drucken und geheim überall in Deutschland verteilen, um den Anschein zu erwecken, als stünden die Jakobiner bereit, dem Adel die Köpfe abzuschlagen. Anzunehmen, daß die kleine Gruppe radikalisierter Studenten, über das Vermögen verfügte, eine Revolution zu veranstalten, war und ist absurd [29].

Ancillon, Wiens Walzer in Berlin.

Fürst v. Metternich versuchte die von ihm ausgestreuten Gerüchte über eine Verschwörungen und eines beabsichtigten, gewaltsamen Umstürzes durch den Mord an Kotzebue zu bekräftigen [30]. Metternich: »Hier wird wahres Uebel auch einiges Gute erzeugen, weil der arme Kotzebue nun einmal als ein argumentum ad hominem dasteht, welches selbst der liberale Herzog von Weimar nicht zu vertheidigen vermag. Meine Sorge geht dahin, der Sache die beste Folge zu geben, die mögliche Partie aus ihr zu ziehen, und in dieser Sorge werde ich nicht lau vorgehen [31]

Die auf dem Aachener Kongreß andiskutierten Maßnahmen sollten erst auf der vom 6. bis 31 Aug. 1819 in Karlsbad tagenden Konferenz ihre konkrete Ausgestaltung erfahren (Universitätsgesetz, Pressegesetz, Untersuchungsgesetz, Exekutionsordnung) und am 20. Sept. 1819 vom Bundestag gebilligt werden.

Rußland und England zögerten nicht ihre Bedenken anläßlich der Karlsbader Beschlüsse zu äußern. Auch aus Frankreich tönt Kritik an den Karlsbadener Beschlüssen und Gentz versucht sich an einer Widerlegung. Varnhagen kommentiert:
» …sein Aufsatz ist hochfahrend und leer; sehr armselig und schlecht für die Lesewelt berechnet, die sich so leicht nicht mit hohlen Redensarten abfinden läßt [32]

Die bislang in Preußen brachliegende Paarung aus Dummheit mit Dreistigkeit wird obergärig: »Der Adel soll alles sein, zwischen Volk und König stehen, unabhängig von diesem und herrschend gegen jenes [33] Graf Goltz schrieb aus Paris von einem drohenden Umsturz, der französische König wurde von der Abgeordnetenkammer ausgepfiffen. In Preußen drängen die zu kurz gekommenen Offiziere zum Krieg [34].

Die „unabhängige“ preußische Partei Fürst Wilhelm Ludwig von Sayn-Wittgenstein samt Jean Pierre Frédéric Ancillon (Freund des Grafen Karl Johann Clam-Martinic, Chef der Militärsection im österreichischen Staatsrath) spalteten die preußische Regierung [35].

Hardenberg notierte »Ancillons Gutachten über die Karlsbader Sache. Sehr schlimm. Es ist die höchste Zeit. Entweder oder. Die Beamten, viele Offiziere, Lehranstalten angesteckt. Oberpräsident Merckel und Schön. Die Jugend wird verdorben…
…In der größten Gefahr stand ich allein mit dem königlichen Vertrauen. Nur weil ich allein konnte ich etwas leisten. Jetzt wieder. Der Kriegsminister ist fort. Ist viel, hilft aber nichts, wenn Beyme und Humboldt zusammenbleiben. B. und H. müssen dispensirt werden [36]

Auch Preußen stimmte den Karlsbadener Beschlüssen zu. Humboldt (zu dieser Zeit Minister für ständische Angelegenheiten) und Boyen (Kriegsminister), Großkanzler Beyme und General Grolmann traten dem mit dem Argument – der König von Preußen und mithin Preußen trete bei Zustimmung einen Teil seiner Souveränität ab – entgegen und wurden daraufhin entlassen. Hardenberg paßte sich, im Bestreben an der Macht zu überwintern, dem geänderten Klima an, um nach einer Stabilisierung der Lage seinen Verfassungsvorschlag verwirklichen zu können. Dazu kam es nicht. Hardenberg starb im November 1822. Ein gutes halbes Jahr später am 5. Juni 1823 erließ der König das „Allgemeine Gesetz wegen Anordnung der Provinzialstände“. Damit hatte in den Provinzialständen, die selbst über keine nennenswerten Rechte verfügten, der Adel das Sagen [37]?

Auch die klügeren deutschen Fürsten, wie etwa in Sachsen-Weimar, mußten sich, angesichts der Drohung, im Fall einer Weigerung, Bundestruppen auf sich zu ziehen, dem System Metternich beugen [38].

Das System Metternich bestand

  • aus der Schlußakte des Wiener Kongreß
  • der Heiligen Allianz
  • der Quadruppel Allianz
  • und den Karlsbadener Beschlüssen.
  • vor allem aber aus der Zentraluntersuchungskommission (CUC) in Mainz, um den „demagogischen Umtrieben“ im Deutschen Bund nachzuspüren.

Das Ende der Epoche.

Humboldt sah voraus, daß die Umsetzung der Karlsbader Beschlüsse unweigerlich zur Revolution führen müsse. Die Burschenschaften wurden zerschlagen, gründeten Tarngesellschaften und geheime Organisationen. Studenten, Professoren wurden verhaftet. Metternich etablierte sein Terrorregime in ganz Deutschland und sorgte unfreiwillig dafür, daß so die Idee: »Das ganze Deutschland soll es sein« erhalten blieb.

Am 26.3.1829 verstarb Humboldts Gattin. Kurz zuvor am 12. Febr. schrieb er an Goethe: »Das Zusammenleben mit meiner Frau war und ist die Grundlage meines Lebens, ich fühle mich daher in meinem Innersten angegriffen und zerstört [39]

Einer, der das nur zu gut nachempfinden konnte, war der König selbst.Wenige Wochen nachdem Humboldts Frau verstorben war, am 8. Mai 1829, wurde Humboldt zum Vorsitzenden einer Kommission für die Einrichtung des Staatlichen Museums ernannt. Am 15.9.1830 verlieh ihm König Friedrich Wilhelm III. den Schwarzen Adlerorden und berief ihn wieder in den Staatsrat [40].

Preußen verfuhr bei Umsetzung der Karlsbader Beschlüsse in scheinbar widersprüchlicher Weise. Das hemmungslose Treiben der Polizei wurde durch die kluge Administration im Bildungswesen und durch kluge Richter konterkariert. In der durch einen französischen Umsturz, Revolutionen in Belgien und Polen 1830 eintretenden Krise, vermochte Preußen aufgrund innerer Stabilität wie militärischer Stärke erstmals eine führende Position in Deutschland einzunehmen. Die Helden und großen Geister von einst waren alt geworden oder verstorben:

Eisernes Kreuz
Königin Louise († 1810),
Scharnhorst († 1813),
Fichte († 1814),
Blücher († 1819),
Hardenberg († 1822),
Yorck († 1830),
Clausewitz († 1831),
Gneisenau († 1831),
Hegel († 1831),
Freiherr vom und zum Stein († 1831),
 

In ihren Schatten wuchs eine neue Generation heran, Preußen weiter zu entwickeln, Staat und Menschen miteinander in Übereinstimmung zu bringen. Der so nah geglaubten Verwirklichung der deutschen Einheit bedurfte es allerdings noch 40 Jahre.

 

Anhang:

[A] Wilhelm von Humboldt:
»Der Staat muss, in Absicht der Gränzen seiner Wirksamkeit, den wirklichen Zustand der Dinge der richtigen und wahren Theorie insoweit nähern, als ihm die Möglichkeit dies erlaubt, und ihn nicht Gründe wahrer Nothwendigkeit daran hindern. Die Möglichkeit aber beruht darauf, dass die Menschen empfänglich genug für die Freiheit, welche die Theorie allemal lehrt, dass diese die heilsamen Folgen äussern kann, welche sie an sich, ohne entgegenstehende Hindernisse, immer begleiten; die entgegenarbeitende Nothwendigkeit darauf, dass die, auf einmal gewähret Freiheit nicht Resultate zerstöre, ohne welche nicht nur jeder fernere Fortschritt, sondern die Existenz selbst in Gefahr geräth. Beides muss immer aus der sorgfältig angestellten Vergleichung der gegenwärtigen und der veränderten Lage und ihrer beiderseitigen Folgen beurtheilt werden [41]

Quellen:
[ 1] Obermann, Karl, Deutschland 1815 – 1849, Berlin 1976, S. 48
[ 2] Treitschke, Heinrich von, Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert Bd. 2, Leipzig 1927, S. 415
[ 3] Obermann, Karl, a.a.O., S. 49ff
[ 4] Kaupp, Peter, Aller Welt zum erfreulichen Beispiel, www.burschenschaft.de, aufgerufen am 11.06.2017
[ 5] Zitate entnommen Obermann, a.a.O., S. 50f
[ 6] Wreden, Ernst Wilhelm, Grundriß der burschenschaftlichen Geschichte im Handbuch der Deutschen Burschenschaften 1998
[ 7] Clark, Christopfer, Preußen, München 2008, S. 462
[ 8] Obermann, Karl, a.a.O., S. 25
[ 9] Maskolat, Henny, Wilhelm von Humboldt 1767 – 1967, Halle 1967 S. 39 und S. 50f
[10] Siemann, Wolfram, »Deutschlands Ruhe, Sicherheit und Ordnung«, Tübingen 1985, S. 177ff
[11] Siemann, Wolfram, a.a.O., S. 181
[12] Clark, Christopfer, a.a.O., S. 462
[13] Obermann, Karl, a.a.O., S. 25
[14] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 456
[15] Duchhardt, Heinz, Der Aachener Kongress 1818, München 2018, S. 123
[16] DER SPIEGEL, BANKEN – Rothschild, DER SPIEGEL 35/1962, S. 38 />
[17] Howling Pixel, Gabriel-Juilien Ouvrard, www.howlingpixel.com, Stand: 10.10.2019 />
[18] Hertslet, Edward, The map of Europe by treaty, London 1875, S. 557
[19] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 450
[20] ebd., S. 480
[21] llse‚ Leopold Friedrich, Geschichte der politischen Untersuchungen welche durch die neben der Bundesversammlung errichteten Commissionen, der Central-Untersuchungs-Commission zu Mainz und der Bundes-Central-Behorde zu Frankfurt in den
Jahren 1819 bis 1827 und 1833 bis 1842 geführt sind, Frankfurt a.M. 1850, S. 3
[22] ebd. S. 1f
[23] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 434
[24] ebd., S. 431
[25] ebd., S. 410ff
[26] Freese, Rudolf (Hg.), Wilhelm von Humboldt, Berlin 1955, S. 822
[27] ebd, a.a.O., S. 823
[28] Günzel, Klaus, Der erste Sekretär Europas, Die Zeit, 17.04.1992
[29] Obermann, Karl, a.a.O., S. 53
[30] ebd.
[31] Zitat entnommen Bleyer, Alexandra, Das System Metternich, Darmstadt 2014, S. 87
[32] Varnhagen von Ense, Karl August, Blätter aus der preussischen Geschichte Bd. 1, Leipzig 1868, S. 7
[33] ebd. S. 5
[34] ebd. S. 19
[35] Clark, Christopfer, a.a.O., S. 456
[36] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 638
[37] Clark, Christopfer, a.a.O., S. 464f
[38] Obermann, Karl, a.a.O., S. 53
[39] Freese, Rudolf, Wilhelm von Humboldt – Sein Leben und Wirken, 1953, S. 907
[40] Maskolat, Henny, a.a.O., S. 40
[41] Humboldt, Wilhelm von, Wilhelm von Humboldt’s gesammelte Werke Bd. 7, Berlin 1852, S. 185