Die preußischen Reformen.

Die preußischen Reformen [1] [2] wurden maßgeblich durch den Fürsten von Hardenberg, den Freiherrn vom Stein, Wilhelm von Humboldt und Gerhard von Scharnhorst geprägt.
Es war der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., der diese Männer berief und der diese Reformen soweit möglich auch gegen den Widerstand von Landjunkern und Ständevertretern durchsetzte [3].

 

Am 19. Juli 1810 stirbt Königin Louise.
Kurz zuvor antwortete sie dem König auf dessen Frage nach ihren Wünschen:

Dein Glück
die gute Erziehung unserer Kinder
und halte Hardenberg!
Nach Peter Andreas Popp »steht [die Reform] unter dem prägenden Einfluss der Philosophie. Sie ist eine idealistisch-moralische Bewegung. Das ist mehr als Rhetorik, Ton oder Überbau („das philosophische Element ist eben nicht draufgesetzt“). Philosophie prägt die konkreten Ziele des Reformwerks, gibt ihm seinen Rang [4]

Wilhelm von Humboldt, bis dahin preußischer Ministerresident in Rom, wurde 1809 nach Königsberg zurückbeordert und war von der dort herrschenden freien Atmosphäre und dem offenen Geist überrascht: »Die Art, wie man hier ist, ist mir sehr neu und überraschend gewesen. Unleugbar hat sich alles sehr verändert, und ich wage es zu sagen, zum Besseren. …es ist doch gewiß durch alle Stände mehr Hinneigen und Hängen zu und an Ideen, es ist daher auch für alles, was auf Ideen beruht (und es ist wieder sehr Stimmung, alles daran zu knüpfen), also für Wissenschaft und Kunst mehr zu erwarten[5]

Preußen war bis dahin eine Ansammlung von Rittergütern, mit seinen Leibeigenen und Militärgarnisonen, mit ihren Soldaten. Das Bürgertum spielte eine untergeordnete Rolle.

Der Freiherr vom und zum Stein entstammte einer Familie von Reichsrittern, d.h. unmittelbar dem Kaiser unterstellten Rittern. Er verabscheute die Zersplitterung Deutschlands in hunderte Einzelstaaten und nannte die Kleinfürsten abfällig Zaunkönige. Die von ihm vorangetriebenen Reformen waren im Hinblick auf einen deutschen Nationalstaat gestaltet worden. In Preußen sah Stein den Staat, über den er seine Ziele am ehesten verwirklichen konnte [6].

Zur schnellen wirtschaftlichen Entwicklung bedurfte es eines freien Arbeitsmarktes, d.h. der Abschaffung der Leibeigenschaft bzw. der Erbuntertänigkeit, der Abschaffung der Zünfte und der Einführung der Gewerbefreiheit. Die Bauernbefreiung schuf diesen Arbeitsmarkt, sie lieferte der Industrie die überschüssigen Arbeitskräfte und erhöhte die Produktivität auch der Landgüter.
Die tatsächlich genutzte, landwirtschaftliche Fläche wuchs bis 1814 um 60%, die Erträge um 40% [7].
Ein freier Bauer war zudem motivierter sein eigenes Hab und Gut, oder auch nur seine Rechte, wie etwa die Preußen jüdischen Glaubens, im Krieg zu verteidigen. Letztlich wurde die Macht des Staates, des Königs durch die Reformen gestärkt und die Basis für eine schnelle wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung gelegt [8][9].

Staatsreform.

1808/10 Einrichtung einer Kabinettsregierung mit den fünf klassischen Ministerien für Inneres, Finanzen, Auswärtiges, Krieg und Justiz. Den Vorsitz im Ministerrat übt der Staatskanzler aus.

Städtische Selbstverwaltung.

Am 19. November 1808 wurde durch den Freiherrn vom und zum Stein das Prinzip der Selbstverwaltung bei voller Finanzgewalt auf kommunaler Ebene eingeführt. Die Stadtverordnetenversammlung ist für Gemeinderecht und -verwaltung zuständig.
Ausführendes Organ bildet der von ihr gewählte Magistrat. Die Mitwirkung an der Selbstverwaltung wurde jedoch von Besitz und Bildung abhängig gemacht. Der auf Betreiben Napoleons eingesetzte Stein, wurde am 24.11.1808 auf Betreiben Napoleons abgesetzt [3] [7].

Verfassung.

In seiner »Verordnung über die zu bildende Repräsentation des Volks« vom 22. Mai 1815 veranlaßt Friedrich Wilhelm III. die Heranziehung der Provinzialstände zur Bildung einer Versammlung der Landes-Repräsentanten, deren Aufgaben sich auf die Beratung aller Gegenstände der Gesetzgebung, welche die persönlichen und Eigentumsrechte der Staatsbürger, mit Einschluß der Besteuerung, betreffen, erstrecken sollte. Eine, für den 1. Sept. 1815 einzuberufene, Kommission sollte im Rahmen dieser Vorgaben einen Verfassungsentwurf erarbeiten. Was jedoch nicht geschah [10].

Aufhebung der Erbuntertänigkeit, und Einführung der Gewerbefreiheit.

Oktoberedikt.

Mit dem Oktoberedikt vom 9.10.1807 des Freiherrn vom und zum Stein, wird jedem preußischen Bürger der Erwerb von Grundbesitz erlaubt. Die Erbuntertänigkeit (eine Form der Leibeigenschaft) wird abgeschafft. Sie beinhaltete bis dahin Abgabepflichten, eine lebenslange uneingeschränkte Dienstpflicht, Gesindezwang der Kinder und die Schollenpflichtigkeit. Zum Heiraten mußte der Erbuntertänige die Erlaubnis des Gutsherren erbitten. Die Bauernstelle konnte nur ein, vom Gutsherrn ausgewählter, Sohn des erbuntertänigen Bauern erben [11][12].

Die Bauern, deren Höfe nicht in Erbpacht betrieben wurden, erhielten am 11. November 1810 ihre Unabhängigkeit.

Gewerbefreiheit.
1810 erfolgt die Aufhebund der Zunftordnung, ein jeder erhält das Recht auf freie Berufswahl. In Preußen herrscht Gewerbefreiheit.

Grundentlastung.
Am 14.11.1811 wird das »Edikt die Regulirung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse betreffend« erlassen.
In ihm wurde die Auflösung der gegenseitigen Verpflichtungen des Bauern gegenüber dem Gutsherren, wie auch die des Gutsherren gegenüber dem Bauern geregelt. Der Bauer, bislang ohne Eigentumsrecht an dem von ihm bewirtschafteten Bauernhof, konnte, die, für die Inbesitznahme des Grundes, dem Gutsherrn zu leistende Entschädigung, durch das Abtretung eines Teils des Grundbesitzes, finanziell oder durch Kombination beider Formen aufbringen.

Die in Erbpacht vergebenen Höfe hatten 1/3, die nicht in Erbpacht vergebenen 1/2 ihrer Flächen als Entschädigung abzugeben. Der Ausgleich entband den Gutsherrn von seinen Verpflichtungen z.B. Zahlung von Steuern oder Erhaltung der Gebäude.

Die Einführung einer Selbstverwaltung für Landgemeinden, die Aufhebung der gutsherrlichen Gerichtsbarkeit und Polizeigewalt scheiterten wie auch die allgemeine Einkommens- und Grundsteuer am Widerstand des Adels [13].

Säkularisierungs-Edikt

Am 30. Oktober 1810 wird das »Edikt über die Einziehung sämmtlicher geistlicher Güter in der Monarchie« erlassen.
Alle Klöster, Dom- und andere Stifter, Balleyen und Commenden werden, bei Entschädigung der bisherigen Benutzer und Berechtigten, in Staatsgüter verwandelt.

Die Mittel zur Aufrechterhaltung der, von diesen Einrichtungen geleisteten, sozialen Dienste, werden vom preußischen Staat übernommen.

Integration der jüdischen Bevölkerung

Wilhelm von Humboldt am 17. Juli 1809: »Auch soll der Staat nicht gerade die Juden zu achten lehren, aber die inhumane und vorurteilsvolle Denkungsart soll er aufheben, die einen Menschen nicht nach seinen eigentümlichen Eigenschaften, sondern nach seiner Abstammung und Religion beurteilt und ihn, gegen allen Begriff von Menschenwürde, nicht wie ein Individium, sondern wie zu einer Masse gehörig und gewisse Eigenschaften gleichsam notwendig mit ihr teilend ansieht [14]

Die jüdische Bevölkerung erhält die preußische Staatsbürgerschaft und damit das Recht der freien Berufswahl sowie die Pflicht den Wehrdienst abzuleisten. Das Recht auf freie Berufswahl für die jüdischen Staatsbürger wurde in den folgenden Jahren eingeschränkt auf Anstellungen, denen keine leitende Funktion, etwa im Heer und den Bildungsinstituten [15] , zukam. Wie so oft in Preußen, bestätigten auch hier die Ausnahmen die Regel.

Bildungsreform.

Das Bildungswesens wird verstaatlicht, die allgemeinen Schulpflicht, Abitur und Staatsexamen werden eingeführt und das Unterrichtswesen umgestaltet. Humanistische Gymnasien werden eingerichtet. Das dreigliedrige Schulsystem geschaffen und an den Universitäten herrschte das Leitbild von Bildung und Forschung [16] .

Der Weg zur Universität führte nun über eine 3 jährige Elementarschule dem sich ein 10 jähriges Gymnasium anschloß.
Da in der Vergangenheit weniger die geistige Reife der Schüler sondern die Herkunft den Zugang zur Universität ebnete, wurde am 12. Okt. 1812 ein Edict zur Prüfung der zu den Universitäten übergehenden Schülern erlassen. Die für alle Gymnasien verbindliche Regelung sah eine Prüfungskommission aus Direktor, Oberlehrern, Mitgliedern des Schulkurratoriums usw. vor. Die Leitung der Kommission hatte ein Bevollmächtigter der Landesbehörde [17] . Aus den Prüfungsinhalten ergibt sich der Lehrplan eines neuhumanistischen Gymnasiums [18] Die Lehrer rekrutieren sich nicht länger aus Theologen, die an den Schulen geparkt, auf eine freiwerdende Pfarrstelle hofften. Mit dem Erlaß des Prüfungsediktes vom 12. Juli 1810 müssen Gymnasiallehrer eine staatliche Prüfung ablegen.

Wichtig waren Humboldt NICHT die praktisch verwertbaren Qualifikationen! Damit unterscheidet er sich grundsätzlich von den retardierten Exemplaren seiner Zunft in der Politik und der Schule heutzutage. Durch eine breite Allgemeinbildung sollten der Schüler die Studierfähigkeit erreichen und als moralisch, geistig gereifter Mensch die Schule verlassen können [A]. Der Lehrplan wurde entrümpelt.
»Gegenstände der Prüfung: Die deutsche, lateinische, griechische und französische Sprache; Religionslehre, Geschichte verbunden mit Geographie, Mathematik.«  In Posen wurde zudem die polnische Sprache abgeprüft und in ganz Preußen ab 1825, auf Hegels Wunsch hin, die philosophische Propädeutik [19].

Die Beibehaltung des Unterrichts der alten Sprachen (Latein und Alt-Griechisch) hatte, neben den praktischen Gründen (lateinische, altgriechische Publikationen z.B. in den Bereichen Recht, Medizin, Philosophie) auch das Ziel die Bildung eines sich beim Studium der alten Kulturen notwendigerweise herausbildenden Abstraktionsvermögens zu betreiben; das konkrete Leben im alten Griechenland oder Rom mußte in eine allgemeine Form gebracht bzw. abstrahiert werden, um es mit dem gegenwärtigen vergleichen zu können. Es ging für die Schüler auch um das Erlernen des Lernens [B].

Revolutionär war Schleiermachers Idee die deutsche Sprache unterrichten zu lassen. Das geschah vor allem, um die, gerade in den letzten Jahrzehnten zuvor gewonnenen, wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Sprache entsprechend differenziert zu beschreiben, die auch im Lande gesprochen wurde.  Die Schüler wurden gleichsam zu Boten Athenes  (der griechischen Göttin für Kunst und Wissenschaft)  ihren Beitrag zur Hebung des Bildungsniveaus in Preußen zu leisten, indem sie das Wissen in die  Gesellschaft hineintrügen  [20].

1810 wurde die Berliner Friedrich Wilhelm Universität, die späteren Humboldt Universität [21] gegründet und zur bedeutendsten Universität des Landes ausgebaut.

Militärreform.

Am 25.7.1807 beruft Friedrich Wilhelm III. Generalmajor Gerhard von Scharnhorst zum Leiter der Militär-Reorganisationskommission. Mehr dazu unter: „Der Weg zur Preußischen Militärreform“. 1813 bis 1814 erfolgt die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Jeder Staatsbürger muß mit Vollendung des 20. Lebensjahres die Wehrpflicht ableisten. Ausnahmen (Exemtionen) oder Stellvertretungen waren nicht erlaubt [7].

Bezüge:

[A] Wilhelm von Humboldt:
»Im Mittelpunkt aller besonderer Arten der Thätigkeit nemlich steht der Mensch, der […] nur die Kräfte seiner Natur stärken und erhöhen, seinem Wesen Werth und Dauer verschaffen will. Da jedoch die blosse Kraft einen Gegenstand braucht, an dem sie sich üben, und die blosse Form, der reine Gedanke, einen Stoff, in dem sie, sich darin ausprägend, fortdauern könne, so bedarf auch der Mensch einer Welt außer sich. Daher entspringt sein Streben, den Kreis seiner Erkenntniss und seine Wirksamkeit zu erweitern […] Die letzte Aufgabe unseres Daseyns: dem Begriff der Menschheit in unserer Person […] einen so großen Inhalt, als möglich, zu verschaffen, diese Aufgabe löst sich allein durch die Verknüpfung unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung [8]

[B] Wilhelm von Humboldt:
»Der Zweck des Schulunterrichts ist die Übung der Fähigkeiten und die Erwerbung der Kenntnisse, ohne welche wissenschaftliche Einsicht und Kunstfertigkeit unmöglich ist. Beide sollen durch ihn vorbereitet, der junge Mensch in Stand gesetzt werden, den Stoff, an welchen sich alles eigene Schaffen immer anschließen muß, teils schon jetzt wirklich zu sammeln, teils künftig nach Gefallen sammeln zu können und die intellektuell-mechanischen Kräfte auszubilden. Er ist also auf doppelte Weise, einmal mit dem Lernen selbst, dann mit dem Lernen des Lernens beschäftigt[18]

Quellen:

[ 1] www.verfassungen.de Verfassung von Preußen (1807 bis 1847), aufgerufen am 22.4.2016
[ 2] Hrsg. Müller, Rainer, Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung Bd. 6., Stuttgart 1995, S. 337ff
[ 3] Clark, Christopher, Preußen Aufstieg und Niedergang 1600 – 1947, München 2008, S. 365f
[ 4] Popp, Peter Andreas, Die preußischen Reformen in Vermessung Brandenburg Heft 1/04 S.14
[ 5] Maskolat, Henny, Wilhelm von Humboldt 1767 * 1967, Halle 1967, S. 30
[ 6] Streisand, Joachim, Deutschland 1789 – 1815, Berlin 1977, S. 157f
[ 7] Wiegrefe, Klaus, „Die gute Revolution“ in Der Spiegel 33/2007 S. 32ff
[ 8] Streisand, Joachim, a.a.O. S. 159
[ 9] Clark, Christopher, a.a.O. S. 385
[10] ebd. S. 395
[11] www.universal_lexikon.deacademic.com Erbuntertänigkeit
[12] www.preussenchronik.de Erbuntertänigkeit
[13] Streisand, Joachim, a.a.O. S. 160
[14] Kappstein, Theodor, Wilhelm von Humboldt – Ausgewählte Schriften, Berlin 1917, S. 416f
[15] Wiese, Ludwig Adolf, Das höhere Schulwesen in Preussen, Berlin 1864, S. 563
[16] Osterhammel, Jürgen, Deutschland 1800-1850 auf www.bpb.de, aufgerufen am 8.8.2012
[17] Wiese, Ludwig Adolf, a.a.O. S. 484
[18] Keym, Werner, 200 Jahre Gymnasium in Deutschland aus Zeitschrift Gymnasium 1/99
[19] Wiese, Ludwig Adolf, a.a.O. S. 495
[20] Lohmann, Ingrid, Lehrplan und Allgemeinbildung in Preußen, Frankfurt/M. Bern New York 1984 S. 9f
[21] Streisand, Joachim, a.a.O. S. 132ff