Der Aachener Kongreß.

Zum Kongreß wird genötigt.

Der Wiener Kongreß regelte grob die durch die Niederlage Napoleons hervorgerufenen territorialen Fragen. Die europäischen Staaten (Ausnahme Großbritannien und das Osmanische Reich) vereinbarten die Heilige Allianz. Napoleons Rückkehr aus Elba beendete den Kongreß.

Nach dem endgültigen Ende seiner Herrschaft bestätigte der 2. Pariser Frieden das bereits im Vertrag von Chaumont festgehaltene Ergebnis. Österreich drängte im stillen Übereinkommen mit England Rußland und Preußen zu einem weiteren Kongreß der vier sich zur Quadruppelallianz zusammengeschlossenen Staaten.

Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III. lehnte noch 1817 den vom österreichischen Staats- und Außenminister Fürst v. Metternich ausgehenden Vorschlag einer neuen Konferenz mit dem Argument ab, »daß eine feierliche Versammlung des Viererbundes alle die Höfe, die an ihr nicht teilnahmen, ebenso beunruhigen mußte, wie die mißtrauische öffentliche Meinung[ 1]

Preußen hatte sein Äußerstes zur Befreiung Deutschlands aufgeboten, erhielt einen territorialen Zugewinn, aber im Deutschen Bund nicht die seinem Verdienst gebührende Gleichstellung mit Österreich.

Der russische Kaiser Alexander I. hatte als König von Polen das Land indem er seine humanistischen Ideale umsetzen konnte, würde Europas Frieden sicher sein. Der ambitionierte Kaiser wurde nach Aachen gelockt, Metternich winkte mit einer Erweiterung der Heiligen Allianz, um England und der Hoffnung Alexanders Wunsch nach einer allgemeinen Abrüstung [ 2] entgegen zu kommen.

Alexander I. wollte die Möglichkeit, seine auf Frieden und Freundschaft der Völker ausgerichtete Politik weiterzuentwickeln nicht ungenutzt verstreichen lassen, stimmte einer Konferenz zu, sorgte aber dafür, daß seinem liberalen Verhandlungsführer Graf Capodistria ein konservative Außenminister, Graf Nesselrode, zur Seite gestellt wurde [ 3].

Rußland handelte in Abstimmung mit Preußen, das sich gegen einen weiteren Kongreß nicht mehr sperrte und so fand auf preußische Kosten, auf preußischem Boden vom 29.9. bis 21.11.1818 der Aachener Kongreß statt.

Wien will Deutschland.

Die „Kaiserstadt“ Aachen erhielt die Ehre, da sie DEM Kaiser, wenn auch dem Österreichs die besten Voraussetzungen bot, seine Anreise in eine Jubelveranstaltung umzufunktionieren.

Franz I., Kaiser von Österreich, reiste mit dem Schiff rheinabwärts, seine Vasallen und die katholische Kirche sorgten für die „triumphale Rheinreise“, für Musik und Böllerschüsse, Illuminationen und Glockengekäut in einer Gegend, die von Hunger und Not geprägt war [ 4].

„In fast allen deutschen Mittel- und Kleinstaaten formierte sich eine liberale Verfassungsbewegung, die dem unterschiedlichen ökonomischen Entwicklungsniveau und damit der unterschiedlichen Reife des Bürgertums entsprechend stärker oder schwächer in Erscheinung trat. In den Krisenjahren 1816/17 erfaßte diese Bewegung in einigen süddeutschen Staaten auch breite Kreise der Bauernschaft [ 5].“

Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., widerstrebte es, sich huldigen zu lassen, bezeichnend wie Kaiser Wilhelm II. in seinem Buch „Meine Vorfahren“ das Kapitel über ihn abschloß: »Ich nehme Abschied von Luise…, und Abschied von dem stillen, tapferen, schlichten, aufrechten König, dessen Wahlspruch lautete: „Meine Zeit in Unruhe, meine Hoffnung in Gott! [ 6]«

Der kluge Preußenkönig machte die Verfassungsbewegung zur Sache Preußens, eine Karte die kurzfristig durch den falschen Zauber des österreichischen Kaisers nicht zum Zuge kam, aber auf lange Sicht stechen sollte.

Der Aachener Kongreß diente Metternich dazu, Rußland und Preußen, als Förderer der europäischen Verfassungsbewegung, auszuschalten. Schon im Vorfeld der Konferenz sorgte er mithilfe seines Schreiberlings Gentz und der eigens hierzu gegründeten „Wiener Jahrbücher der Literatur“ dafür, daß die Verfassungsbewegung mit dem Terror der französischen Revolution gleichgesetzt wurde [ 7].

So wurde die Aachener Konferenz einberufen, weil Frankreich versicherte, daß ein längeres Verbleiben der Besatzungstruppen, die blutigsten, revolutionären Aufstände hervorrufen müßten.

Doch die Besatzungstruppen konnten erst dann abgezogen werden, wenn eine Einigung über die von Frankreich zu leistenden Reparationszahlungen herbeigeführt worden war. Hierzu bedurfte es der Aachener Konferenz der Vier Mächte [ 8] [ 9].

Die Beschlüsse der Aachener Konferenz.

Truppenabzug und Schuldenregulierung

Am 27. Okt. wurde die Konvention über die Räumung des französischen Territoriums bekannt gegeben [duch168]. Formell wurde Frankreich bereits am 3. Okt. bestätigt, den am 20. Nov. aufgestellten Bedingungen eines Truppenabzuges nachgekommen zu sein [10].

Da der Rückzug an die Schuldenregulierung gekoppelt war, bedurfte es einer Regelung der Reparationszahlungen. Der hierdurch entstandene Termindruck ebnete den Weg für die „externe Berater“, dem Londoner Bankier Baring, Labouchère von Hope & Co. und Gabriel-Julien Ouvrard. Das Haus Rothschild hatte sich zuvor schon der Dienste des in ständigen Geldnöten befindlichen Gentz versichert [11].

Ouvrard war 1804 im Auftrag Napoleons mit der Sanierung des spanischen Staates beauftragt worden und hatte sich dabei der Dienste von Hope & Co wie auch Barings bedient [12].
Wellington hatte seinerzeit mithilfe des Hauses Rothschild die Finanzierung des spanischen Widerstand organisiert [13].

Ouvrard präsentierte die Lösung [14]:
Frankreich nimmt zur Begleichung der Schulden Staatsanleihen auf, von denen, mit Ausnahme der mit dem Geschäft beauftragten Banken, niemand profitieren sollte.

Baring und Hope garantierten für 165 Mio. Franken. Zusätzlich wurden Anleihen im Wert von 100 Mio. Franken auf dem Markt geworfen. Währungsspekulationen, hinter denen vermutlich das Bankhaus Rothschild stand, führten zum Kursverfall des Frankens. Sprich 100 Mio. Franken wurden durch die Anleihe eingenommen, das Geld vor seiner Auszahlung wertsicher angelegt, so daß ein späterer Verkauf der Anlage, da der Franken weniger Wert war als zuvor, mehr als die den 100 Mio. Franken einbrachte. Ausgezahlt wurden allerdings nur die 100 Mio. Franken.

Zudem wurde Frankreich mehrmals eine Verlängerung (Prolongation) der Frist zur Zahlung der Restschuld gewährt. Erst Juni 1820 mußte sie beglichen sein [15] [16]. Preußen, das unter dem Krieg am meisten gelitten hatte und nicht mehr als 1/6 der Reperationszahlungen zuerkannt bekam, erhob Einspruch, konnte sich aber damit gegenüber den anderen drei Mächten durchsetzen.

Das Militärprotokoll.

Das Frankreich nicht zur Kenntnis gebrachte, geheime Militärprotokoll sah vor, daß die Vier Mächte jeweils 60 000 Mann in Brüssel, Mainz, Köln und Stuttgart zusammenziehen sollten, um bei gegebenem Anlaß gegen Frankreich vorgehen zu können.

Die Festungen der Niederlande wurden im Süden, der sich gut 20 Jahre später als Belgien von den Niederlanden abtrennte, von britischen Einheiten besetzt [17].

Einbindung Frankreichs.

Man vereinbarte Frankreich fortan zu allen Konsultationen über Fragen der Sicherheit und Ruhe in Europa einzuladen. Ein Recht auf Teilnahme gewährte man den Franzosen nicht [18]. Um der Einbindung Frankreichs einen eigenen Rahmen zu geben, erfand man das „Konzert der Mächte“ (concert pacifique). Dies Konzert gedachte alle denkbaren europäischen Angelegenheiten gemeinsam zu regeln [18]. Wie sich später herausstellen sollte, nicht selten mit militärischer Gewalt.

Die Alliance Genénérale.

Der russische Kaiser Alexander I. schlug mit der alliance genénérale ein kollektives Sicherheitssystem vor, das die territoriale Integrität der europäischen Staaten garantieren sollte. Dieser Vorschlag wurde mit dem einer allgemeinen Abrüstung in Europa verknüpft. Kriege hätten sich nicht mehr gelohnt. Das ging den Briten und Österreichern nun doch zu weit. Die Vorschläge Alexanders wurden abgelehnt [19].

Rangordnung des diplomatischen Korps.

Am 21. Nov. 1818 beschlossen die Teilnehmer der Aachener Konferenz eine Ergänzung der bereits in Wien 1815 festgelegten Rangordnung, die bei diplomatischen Anlässen zur Anwendung kommen sollte.

Das auch als Aachener Protokoll bezeichnete Regelwerk ordnet die diplomatischen Vertreter in vier Klassen. An erster Stelle rangieren die Botschafter, päpstliche Legaten und Nuntien, dann folgen die Gesandten und päpstlichen Internuntien, danach die Ministerresidenten und an schließlich die Geschäftsträger [20].

Das Wahngebilde eines bevorstehenden jakobinischen Aufstandes.

Vor allem in Frankreich wuchs die Unzufriedenheit mit der Politik. Es war nicht nur die Eitelkeitkeit der Grande Nation, die gelitten hatte. Das Volk der Franzosen fühlte sich gedemütigt. Der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora 1815 hatte in ganz Westeuropa zu gravierenden Ernteausfällen geführt. Die Menschen hungerten und Frankreich hatte die von Wellington befehligte riesige Besatzungsarmee zu ernähren. Die Schulden die England aufgenommen hatte, um die Kriege in Europa zu finanzieren, verschärften die Wirtschaftskrise und den Unmut der Menschen auch auf der Insel.

Für Metternich und den preußischen Polizeipräsident Graf Wittgenstein lieferte dies genügend Material, das durch phantastische Ausschmückungen angereichert, den König von Preußen und über ihn auch den Kaiser von Rußland nötigen sollten, von ihren friedfertigen Plänen Abstand zu nehmen.

Zu den anläßlich der Geburt des russischen Thronfolgers, des späteren Kaiser Alexander II., veranstalteten Festlichkeiten, reiste König Friedrich Wilhelm III. nach Rußland und übermittelte Alexander einen Polizeibericht, demnach »sich in Russland, und zwar vorzugsweise im russischen Heere geheime Gesellschaften gebildet hätten, die revolutionäre Zwecke verfolgten [21] «.

Auf dem Aachener Kongreß selbst, war es Fürst Metternich persönlich, der dem König von Preußen eine Denkschrift über das revolutionäre Unwesen von Studenten und Turnern übergab [22].

Treitschke:

»Er bemerkte wohl, daß seine Worte einigen Eindruck machten, doch klagte er bei seinem Kaiser über Friedrich Wilhelms bedauerliche Schwäche, da der gesunde Menschenverstand des Königs nicht sogleich an alle die Wahngebilde der österreichischen Gespensterfurcht glauben wollte. Unterdessen suchte Metternich auch den Cabinetsrath Albrecht, einen treuen, fleißigen, hochconservativen Beamten, für seine Ansicht zu gewinnen und rief sodann den uverlässigsten seiner preußischen Freunde, Wittgenstein, zu Hilfe. Am 14. Nov. sendete er dem Fürsten von Aachen aus zwei große Denkschriften über die Lage der preußischen Staaten; beide Aktenstücke waren bestimmt, zur guten stunde durch Wittgenstein dem Könige vorgelegt zu werden,...
Unter Allem was aus Metternichs Feder floß beweist die Denkschrift über die preußische Verfassung wohl am deutlichsten die klägliche Gedankenarmuth dieses Kopfes, der nur durch seine diplomatische Schlauheit, durch die Gunst des Glücks und durch die Aengstlichkeit der anderen Höfe dahin gelangen konnte, die Welt während eines Menschenalters über seine Nichtigkeit zu täuschen [23]

Metternich verließ sich jedoch nicht auf den Theaterdonner alleine.
» …Friedrich Wilhelm III. [war] eingeschüchtert, und die einzige Persönlichkeit in seinem Cabinette, Fürst Hardenberg, welche nach Gestalt der Verhältnisse den Metternich’schen Bemühungen damals entgegenwirken konnte, durch seine verwickelten Finanzverhältnisse, durch seine anstößigen Privatgeschäfte genöthigt, sich an die österreichische Partei in Berlin zu lehnen, wenn er nicht gestürzt sein wollte [24]

Österreich suchte sich als die führende Macht im Kampf gegen die Revolution ins Spiel zu bringen. Tatsächlich verfügte es in Deutschland, wie in Italien über eine leidliche Vormachtstellung, die es benutzten konnte auf bilateralen Konferenzen mit Rußland einerseits und mit Preußen andererseits, den Kaiser von Rußland und den König von Preußen einander zu entfremden.

Deshalb vermied es Metternich schon in Aachen seine Vorschläge zur Überwachung Europas vorzustellen [25].

Ein Anschlag zur rechten Zeit.

Gerüchte wurden in Umlauf gesetzt, nach denen Kaiser Alexander von den Anhängern Napoleons, die in Brüssel eine Zuflucht gefunden zu haben schienen, entführt werden sollte. Diese Gerüchte waren zwar auf den ersten Blick als solche erkennbar, führten aber dazu, daß man die in Brüssel aggierenden Franzosen, die gegen die Wiedererrichtung der Bourbonenherrschaft eintraten, vertrieb. Sie fanden in Frankfurt und Umgebung eine neue Heimat. In Frankfurt fand der Bundestag zur Neuordnung des Deutschen Bundes statt [26].

Eins fügt sich zum andern und ein Mörder wird erkoren den Kaiser von Rußland zu ermorden, doch es traf nur seinen Dichter.

 

Quellen:
[ 1] Treitschke, Heinrich von, Deutsche Geschichte im
Neunzehnten Jahrhundert Bd. 2, Leipzig 1927, S. 437
[ 2] Duchhardt, Heinz, Der Aachener Kongress 1818, München 2018, S. 96
[ 3] ebd. S. 100
[ 4] ebd. S. 92f
[ 5] Obermann, Karl, Deutschland 1815 – 1849, Berlin 1976, S. 42
[ 6] Kaiser Wilhelm II., Meine Vorfahren, Berlin 1929, S. 177
[ 7] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 456
[ 8] Hertslet, Edward, The map of Europe by treaty, London 1875, S. 557
[ 9] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 450
[10] a.a.O., S. 172
[11] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 455
[12] Duchhardt, a.a.O., S. 123
[13] DER SPIEGEL, BANKEN – Rothschild, DER SPIEGEL 35/1962, S. 38
[14] Howling Pixel, Gabriel-Juilien Ouvrard, www.howlingpixel.com, Stand: 10.10.2019
[15] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 460
[16] Duchhardt, a.a.O., S. 174
[17] ebd. S. 175
[18] ebd. S. 181
[19] ebd. S. 183f
[20] www.rechtslexikon/aachener-protokoll, Stand 20.10.2020
[21] Pantschoff, Mladen, Kaiser Alexander I. und der Aufstand Ypsilantis 1821, Leipzig 1891, S. 32
[22] Duchhardt, a.a.O., S. 212f
[23] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 480
[24] llse, Leopold Friedrich, Geschichte der politischen Untersuchungen welche durch die neben der Bundesversammlung errichteten Commissionen, der Central-Untersuchungs-Commission zu Mainz und der Bundes-Central-Behorde zu Frankfurt in den
Jahren 1819 bis 1827 und 1833 bis 1842 geführt sind, Frankfurt a.M. 1850, S. 3
[25] ebd., S. 1f
[26] Duchhardt, a.a.O., S. 36