Berliner Kongress von 1878

Ausgangslage.

Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 führte zur Neuausrichtung der Außenpolitik. Österreichs Bemühungen Deutschland und Italien zu dominieren scheiterten 1866 infolge des für Preußen und Italien erfolgreichen Krieges gegen Österreich. Österreich verlegte sein außenpolitisches Betätigungsfeld auf den Balkan [A1]. Der Balkan erregte infolge der beschleunigten industriellen Entwicklung vor allem auch britische Begehrlichkeiten.

Die Umgestaltung des weitgehend vom Osmanischen Reich beherrschten Balkans unterlag demnach zwei Kräften: England suchte mit Österreichs Hilfe seine imperialen Handelsbeziehungen auszubauen bzw. zu sichern und Rußland mit Englands (befristeter Hilfe) einen Zugang zum Mittelmeer.

Der innere Zerfall des Osmanischen Reiches war zu Beginn der 1870er Jahre derart fortgeschritten, daß von einer funktionierenden Verwaltung des Staates nicht mehr gesprochen werden konnte. Der Sultan lebte auf großem Fuße und brauchte Geld. Die in den Provinzen des Balkans verankerten und redlichen Gouverneure wurden ausgetauscht durch asiatische Gefolgsleute des Sultans ersetzt, die mit einer Sippe asiatischer Beamte Land und Leute ausplünderten [A2]. Dieses wirtschaftliche Modell funktionierte nur kurzfristig. Es kam zu Aufständen.

1874 Gladstone hat die brit. Wahlen verloren und muß als Premierminister zurücktreten. 1876 greift er die Außenpolitik seines Konkurrenten Disarelis am Beispiel Bulgariens an [A3]:
12000 Menschen seien abgeschlachtet worden. William Gladstones Urteil über die Türken: „wherever they went, a broad line of blood marked the track behind them“.

Der Krieg zwischen Rußland und dem Osmanischen Reich.

Die Karten sind gemischt und das Spiel beginnt. Kaiser Alexander II. von Rußland soll die Kohlen aus dem Feuer holen. Auf einer internationalen Konferenz in London wurde 1871 Rußlands Vorstoß zur Remilitarisierung des Schwarzen Meeres mit britischem Segen (der Regierungschef hieß W. E. Gladstone) gebilligt [A4].
Zunächst bemüht mit deutscher und österreichischer Hilfe auf die Pforte (die Regierung des Osmanischen Reiches) einzuwirken, setzt Rußland auf Krieg.

Am 27. Juni 1876 erklären Serbien und Montenegro dem Osmanischen Reich den Krieg [A5]. Russische Offiziere führen die serbischen Truppen an. Noch kann sich das Osmanische Reich behaupten.

Rußland beschließt selbst einzugreifen, Vorwand lieferte ein Verstoß des Sultans gegen die im Londoner Protokoll von 1877 festgelegten Regularien zur Umsetzung des Friedens mit Montenegro und zur Herstellung der bulgarischen Autonomie. Am 8. Juli 1876 einigen sich Andrassy (Österreich) und Gortschakow (Rußland) in Reichstadt über den Preis der österreichischen Neutralität: Österreich-Ungarn erhält Bosnien-Herzegowina.

Am 24.4.1877 erklärt Rußland der Pforte den Krieg. Das Osmanische Reich gibt sich ein Jahr später geschlagen und willigt in den Frieden von San Stefano ein. Rußland hatte sich mit hohen Verlusten bis an die Dardanellen herangekämpft und trifft nun auf die britische Flotte sowie auf eine österreichische Kriegsdrohung.

Die von Rußland beabsichtigte Errichtung eines bulgarischen Staates, der im Süden bis zur Ägäis reichen und im Westen Makedonien umfassen sollte stieß auf britischen Widerwillen. Rußland störte darüberhinaus Englands  wirtschaftspolitische Interessen, da

a.) jede Belastung des Ottomanischen Reiches die Rückzahlung seiner Schulden beeinträchtigte
b.) eine Stärkung Rußlands auf Kosten seiner finanziellen Anbhängigkeit von Großbritannien ging und
c.) der Handel auf dem Balkan durch ein Bulgarien in den Grenzen wie in San Stefano vorgesehen von Rußland beeinflußt hätte werden können.

Bismarck, der »ehrliche« Makler?

Bismarck lädt zum Kongress nach Berlin. Die Vertreter Englands reisen nicht an, ohne den Rest des Kongresses vor vollendete Tatsachen stellen zu können. Am 4.6.1877 wird ein Geheimabkommen mit dem Osmanischen Reich abgeschlossen, der Sultan erhält Geld und die britische Unterstützung auf dem Kongreß im Austausch gegen Zypern, das an Großbritanien geht.
Am 11.6.1877 wird das Geheimabkommen mit Österreich-Ungarn abgeschlossen. Wie so oft macht sich Großbritannien andere Mächte zu Diensten, indem es ihnen Pfründe verspricht, denen habhaft zu werden, es deren Mithilfe bedarf.

Kaiser Alexander II. von Rußland bewahrte seine freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland. Seine Mutter war eine preußische Prinzessin und seine Frau kam aus Darmstadt. Ähnlich verhielt es sich bei den Hohenzollern. Allerdings wuchs das Misstrauen in Deutschland gegenüber Rußland.

Kaiser Wilhelm II in „Ereignisse und Gestalten“ : »Die englische Psyche und Mentalität in der restlosen, wenn auch durch allerlei Mäntelchen verhüllten Verfolgung des Planes der Welthegemonie war dem Auswärtigen Amt ein Buch mit sieben Siegeln. Der Fürst [TV: Bismarck] sagte mir einmal, sein Hauptaugenmerk sei, Rußland und England nicht zu einem Einverständnis kommen zu lassen. Darauf erlaubte ich mir zu antworten: Der Moment dies in weite Ferne zu rücken, wäre ja beinahe gegeben gewesen, wenn man 1877/78 die Russen nach Stambul gelassen hätte… Statt dessen habe man den Russen den Vertrag von San Stefano aufgenötigt, sie vor den Toren der Stadt, die sich nach furchtbaren Kämpfen und Mühen erreicht hatten und vor sich sahen, zur Umkehr gezwungen. Das habe in der russischen Armee einen unauslöschlichen Haß gegen uns entfesselt… Obendrein habe man dann den Vertrag umgestoßen und durch den Berliiner Kongreß ersetzt, der uns in den Augen der Russen noch mehr als Feinde ihrer „berechtigten Interessen im Orient“ belastet habe.«
Bismarck habe seinen Beamten im Auswärtigen Amt auf deren Glückwünsche geantwortet: »Jetzt fahre ich Europa vierelang [TV: als Kutsche mit vier Pferden] vom Bock.« Der von Wilhelm II. zitierte Herr aus dem AA »bemerkte dazu: da habe der Fürst sich geirrt, denn damals drohte schon an Stelle der russo-preußischen die russo-französische zu entstehen, also zwei Pferde waren aus dem Viererzug schon heraus [B1]

Frankreich tat alles um Rußland für ein Bündnis gegen Deutschland zu bewegen. Die panslawistische Bewegung wuchs. Pressekampangnien gegen Deutschland wurden losgetreten. Alexander II., der Herrscher Rußlands, der die bis dato bedeutendste Reformer seines Landes, war sinnigerweise der von der „Freiheitsbewegung“ am stärksten bekämpfte Machthaber. In dieser Situation keimten in Deutschland wohl genährte Hoffnungen auf ein Bündnis mit Großbritannien.

Prinz Friedrich Karl von Preußen äußerte auf seinem Besuch vom 17. Dez. 1871 in Moskau gegenüber dem Hauptredakteur der Moskauer Zeitung Katkow: »Deutschland wünscht den Frieden und die Freundschaft mit Rußland. Unsere Interessen kollidieren in keiner Weise mit denjenigen Rußlands. Wenn in Deutschland eine gewisse Unzufriedenheit mit Rußland herrscht, so hat diese einzig in der zu strengen Abschließung seiner Grenzen und der übermäßigen Beengung des Handels durch die Strenge des Tarifs ihren Grund… [B2] «

Der Berliner Vertrag.

Der Anlaß dieser »gewissen Unzufriedenheit« stellte einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Berliner Vertrag [C1] und dem Vertrag von San Stefano dar. Das Osmanische Reich hatte 1875 seinen Bankrott erklärt. Die Berliner Konferenz bot eine gute Gelegenheit zur Schadensminimierung.

Artikel 9 des Berliner Vertrages legt fest:
Die Höhe des jährlichen Tributes, welchen das Fürstenthum Bulgarien dem Oberherrlichen Hofe durch Zahlung an die von der Hohen Pforte später zu bezeichnende Bank zu entrichten hat, wird durch Vereinbarung der Signatarmächte des gegenwärtigen Vertrages am Schlusse des ersten Jahres der Wirksamkeit der neuen Organisation bestimmt werden. Dieser Tribut wird nach dem mittleren Ertrage des Gebietes des Fürstenthums festgesetzt werden. [318] Da Bulgarien einen Theil der öffentlichen Schuld des Reichs zu tragen hat, so werden die Mächte bei Feststellung dieses Tributs denjenigen Theil dieser Schuld in Betracht ziehen, welcher dem Fürstenthum auf der Grundlage eines billigen Verhältnisses aufzulegen sein würde.

Nicht zu vergessen ist, daß seit Erklärung des Staatsbankrotts die Finanzverwaltung des Osmanischen Reiches in den Händen der Großmächte lag.

Artikel 10:
Bulgarien übernimmt vom Tage der Auswechselung der Ratifikations-Urkunden zu dem gegenwärtigen Vertrage ab an Stelle der Kaiserlich ottomanischen Regierung deren Lasten und Verpflichtungen gegenüber der Rustschuk-Varnaer Eisenbahngesellschaft;...

Artikel 33:
Da Montenegro einen Theil der öffentlichen ottomanischen Schuld für die neuen Gebiete, welche ihm durch den Friedensvertrag zugetheilt worden sind, zu tragen hat, so werden die Vertreter der Mächte zu Konstantinopel den betreffenden Betrag im Einverständniß mit der Hohen
Pforte auf einer billigen Grundlage festsetzen.

Artikel 38:
Das Fürstenthum Serbien tritt für seinen Theil an Stelle der Hohen Pforte in die Verpflichtungen ein, welche dieselbe sowohl gegenüber Oesterreich-Ungarn, als auch gegenüber der Gesellschaft zum Betriebe der Eisenbahnen der europäischen Türkei bezüglich des Ausbaues, des Anschlusses sowie des Betriebes der auf dem neu erworbenen Gebiete des Fürstenthums anzulegenden Eisenbahnen eingegangen ist...

Natürlich durften die Profite des britischen Welthandels (wie die der übrigen Industriestaaten) nicht eingeschränkt werden, etwa indem die wirtschaftlich wenig entwickelten Staaten des Balkans durch Erhebung von Zöllen partizipierten.

Artikel 37:
Kein Durchgangszoll darf von den Waaren, welche durch Serbien hindurch gehen, erhoben werden.

Artikel 48:
Kein Durchgangszoll darf in Rumänien von den Waaren, welche durch das Fürstenthum hindurchgehen, erhoben werden.

Ein weiterer Beitrag die Stellung des russischen Kaisers Alexander II. in seinem eigenen Land zu untergraben lieferte der Artikel 62:
Die bestehenden Rechte Frankreichs werden ausdrücklich gewahrt, und man ist einverstanden darüber, daß kein Eingriff in den gegenwärtigen Zustand an den Heiligen Orten geschehen soll.

Die dem Kaiser feindlich gesonnene russische orthodoxe Kirche sah sich – wie die von Frankreich vertretene katholische – als die einzig rechtmäßige Kirche in der Nachfolge Jesu Christi und somit in der Verantwortung für die Heiligen Orte.

Auf dem Berliner Kongress wurden Vertreter des Osmanischen Reiches zwar eingeladen, mit am Verhandlungstisch saßen sie allerdings nicht. Seine Interessen wurden bestens durch Großbritannien vertreten. Dank der brit. Hilfe konnte es seine Gebietsverluste minimieren.

Das im Vertrag von San Stefano für Bulgarien vorgesehene Gebiet wurde mehr als halbiert. Seine Ausdehnung bis zum Mittelmeer wurde rückgängig gemacht. Ost-Rumelien blieb unter der Bedingung, es durch einen christlichen Gouverneur verwalten zu lassen, eine Provinz des Osmanischen Reiches. Natürlich hatte die Pforte das Recht dort Militär zu stationieren und Festungen anzulegen (Artikel 15), sprich den Bosporus gegen künftige russische bzw. bulgarische Vorstöße abzuriegeln.

In einem Brief äußerte der preußische Bankier Bleichröder dem brit. Premier Disaresis gegenüber seine Besorgnis bezüglich eines Krieges im Osten: »Die Krise in England dürfte ihr letztes Stadium noch nicht erreicht haben… Die Dinge im Osten werden für alles andere als klar angesehen, und Rußland ist nicht geneigt, den Bestimmungen des Berliner Vertrages nachzukommen.« – Disarelis Antwort: »Ich glaube, daß die Fähigkeit Rußlands, eine Anleihe aufzunehmen, sich bald erweisen wird, wenn seine Regierung sich entscheiden sollte, den Vertrag von Berlin nicht in die Tat umzusetzen [C2]

Mit dem Berliner Vertrag wurde ein Keil zwischen die deutsch-russischen Beziehungen getrieben.

In der Hoffnung auf eine engere Beziehung zum britischen Weltreich spielte Bismarck den ehrlichen Makler, d.h. er bekniete Rußland das britisch-österreichische Ultimatum anzunehmen. Als im April 1880 Gladstone erneut zum Premier gewählt wurde, lösten sich diese Hoffnungen in Staub auf.

Kaiser Alexander II. ist verstimmt, zunächst vor allem gegenüber Österreich-Ungarn, dessen Haltung er Kaiser Wilhelm I. gegenüber als »loche wie gewöhnlich« charakterisiert [D1].

Umso stärker wog die Enttäuschung über Deutschland, als dem russischen Kaiser gemeldet wurde, daß auch deutsche Agenten im Orient der russischen Politik entgegenwirkten. In seinem Brief vom 4.9.1879 an Kaiser Wilhelm äußert er seinen Unmut und beschwert sich heftigst über Bismarck (dem auch das Außenministerium unterstand). Österreich sei, so schrieb der russische Kaiser, stets systematisch feindlich gegenüber Rußland gewesen.

Der deutsche Kaiser versuchte Bismarck von seiner Politik, die bewährte russische Freundschaft gegen die halbseidene österreichische einzutauschen, abzubringen. Ohne Erfolg. Am 7. Oktober 1879 schließt das Deutsche Reich ein Bündnis mit Österreich-Ungarn.
Prinz Alexander von Hessen, Bruder der russischen Kaiserin, erblickt in der Abkehr Deutschlands von Rußland eine Schwächung der Position des in scharfen Auseinandersetzungen mit den Großfürsten und Popen befindlichen Kaisers von Rußland [D2]. Die Reformen in Rußland sollten zum Erliegen kommen.

1886 fiel es Bismarck ein bei den Russen wegen der Dardanellen auf den Busch zu klopfen. Er schickte den späteren Kaiser Wilhelm II. zum Zaren nach Brest-Litowsk, der dort einem Manöver der Armee beiwohnte. »Wenn ich Konstantinopel will, dann nehme ich es mir ohne den Fürsten Bismarck um Erlaubnis zu fragen«, antwortet der russische Kaiser dem Kronprinzen Wilhelm [D3].

Ein russischer General der älteren, deutschfreundlichen Generation erzählte dem Kronprinzen:
»Es ist dieser mißratene Berliner Kongreß. Ein sehr ernster Fehler des Kanzlers. Er hat die alte Freundschaft zwischen uns zerstört, Mißtrauen bei Hof und Regierung gesät und die Gefühle,
angesichts des blutigen Feldzuges von 1877, tief verletzt. Deshalb suchen wir eine Revanche.
Und darin sind wir auf einer Seite mit der verdammten Französischen Republik, die voll des Hasses und hinterlistiger Ideen gegen sie [die Deutschen] ist, die uns im Fall eines Krieges die Dynastie kosten wird [D4]

Am 3.8.1878 tritt der Berliner Vertrag in kraft.
Am 19.8.1878 ziehen österreichische Truppen in Sarajevo ein.

Quellen:

[A1] Spaits, Alexander, Der Weg zum Berliner Kongress in Unsere Truppen in Bosnien und der Herzegowina Band 1, Wien und Leipzig 1907, S. 57
[A2] ebd. S. 60
[A3] Gladstone, William, Bulgarien Horrors and the Question of the East, New York und Montreal 1876, S. 21
[A4] Alexander/Stökl, Russische Geschichte, Hamburg 2018, S. 461
[A5] Spaits, Alexander, a.a.O., S.71
[B1] Wilhelm II., Ereignisse und Gestalten 1878-1918, Wolfenbüttel 2012, S. 9f
[B2] Robolsky, Hermann, Bismarck und Russland, Berlin 1887, S. 137f
[C1] Vertrag zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, Frankreich, Großbritannien, Italien, Rußland und dem Ottomanischen Reich vom 13. Juli 1878, Quelle: Wikisource Stand 17.1.2019
[C2] Stern, Fritz, Gold und Eisen, München 2008, S. 474
[D1] Conte Corti, Egon Caesar, Unter Zaren und gekrönten Frauen, Salzburg, Leipzig 1936, S. 313
[D2] ebd. S. 314
[D3] Wilhelm II., The Kaiser’s Memoirs, New York, London 1922, S. 15
[D4] ebd. S. 16f.