Aufbau der kaiserlichen Flotte.

Die Vorgeschichte des Flottenbaus.

Zu Beginn des 19. Jhdts. standen sich millionen und abermillionen Menschen im Feld gegenüber, den Kontinent zu verwüsten und sich gegenseitig zu töten. Abgesehen von dem einen oder anderen englischen General war an den Gefechten kaum ein Engländer beteiligt.
England besaß das Monopol auf den Handel zur See, importierte Rohstoffe, die es, in der sich, dank der verfügbaren Arbeitskräfte, schnell entwickelnten Industrie, veredelte und auf dem Kontinent verkaufte. Europa wurde durch die napoleonischen Kriege zum Schuldner Großbritanniens und hatte seine Mühen unter diesen Bedingungen eine eigene Industrie aufzubauen.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts mußten millionen Deutsche auswandern, weil das Land sie nicht mehr nähren konnte. Eine moderne Bildungspolitik und die, in Handwerk und in anderem Gewerbe übliche, gute Ausbildung der Arbeiter mündeten in einem rasanten Wirtschaftsaufschwung. Der Emigration wurde so ein Ende gesetzt, doch das anhaltend hohe Bevölkerungswachstums verurteilte das Land zu weiteren Anstrengungen.

Tirpitz: »Dem Wachstum unsrer Industrie verdankten wir das Wachstum unsrer physischen und materiellen Stärke.
Wir nahmen jährlich fast um eine Million Menschen zu, das heißt gewannen auf dem unverändert engen Spielraum der heimischen Scholle alljährlich etwas, das dem Zuwachs einer Provinz gleichkam, und dies alles beruhte auf der Aufrechterhaltung unsres Ausfuhrhandels, der mangels eigener Seemacht ausschließlich vom Belieben der Fremden, d.h. der Konkurrenten abhing. Wir mußten nach Bismarck „entweder Waren ausführen oder Menschen“…[ 1]

Der Welthandel, von dem der Wohlstand der Bewohner des Deutschen Reiches abhing fand jedoch zu 70% auf der See statt und war in hohem Maße von den Einrichtungen, Überseehäfen, Stichbahnen, Docks, Bunkerstationen und Transportkapazitäten der Engländer abhängig.

Die Kriegsmarine war vor 1890 nicht einmal in der Lage, die deutschen Fischer in der Nordsee vor Übergriffen der ausländischen Konkurrenz zu schützen, die, ohne ein Risiko eingehen zu müssen, die Netze der, unter deutscher Flagge segelnden, Kutter kappten.

Bernhard Fürst von Bülow: »Eine Kriegsflotte mußte der Armee zur Seite treten, damit wir unserer nationalen Arbeit und ihrer Früchte froh werden konnten….«
Doch der Gedanke ein Staat könne, ähnlich wie zu Land üblich, seine friedliche Existenz auch auf See durch Waffen bewahren wollen, war England, aus verständlichen Gründen, fremd.

»Die Flotte sollte gebaut werden unter Behauptung unserer Stellung auf dem Kontinent, ohne Zusammenstoß mit England,… [ 2]

Was, wie sich erweisen sollte nicht gelang.

Kaiser Wilhelm II. schrieb in seinen Erinnerungen: »Er [Tirpitz] war bei seinen ersten Vorträgen, die den Grund zum ersten Flottengesetz legten, mit mir vollkommen darüber in reinen, daß der Flottenbau auf die bisherige Weise im Reichstage nicht zur Annahme zu bringen sei. … Deshalb war es nötig, daß die in rebus navalibus noch ziemlich unkundigen Reichsboten erst einmal mit den Einzelheiten der großen Aufgabe vertraut gemacht wurden. Ferner galt es eine allgemeine Bewegung im Volke auszulösen, das noch gleichgültige „große Publikum“ für die Marine zu interessieren und zu erwärmen, damit aus dem Volke selbst heraus ein Druck auf die Abgeordneten erfolge. Dazu war eine gut organisierte und geleitete Presse sowie durch bedeutende Männer der Wissenschaft von den Universitäten und Technischen Hochschulen erforderlich [ 3]

Als ein Beispiel ließe sich der Wirtschaftshistoriker und Flottenbefürworter Gustav Schmoller anführen, der für den Bau der Flotte warb, jedoch nicht ohne folgendes zu betonen:

»Wir sind ein friedliches Volk, denken an keine Eroberungen; unsere Nachbarn sind dicht bevölkerte Länder, mit denen wir friedlichen Verkehr haben wollen, nicht mehr; die auch, wenn uns je noch das eine oder andere zufiele, uns nicht Raum für Kolonisation, für neue Städte und Dörfer bieten würden, …[ 4]

Aus der damaligen Perspektive war also ein Krieg ungeeignet das Problem des Landes zu beseitigen, da von ihm eine Linderung des Bevölkerungsddruckes nicht erwartet werden konnte.

Kaiser und Regierung waren darauf bedacht, daß das Werben für die Flotte nicht in einen plumpen Nationalismus umschlug. Fürst v. Bülow: »Das patriotische Empfinden sollte aber auch nicht überschäumend und in nicht wieder gut zu machender Weise unsere Beziehungen zu England stören…[ 5]
Wen die Engländer fürchten sollten, hing jedoch weniger von der deutschen Politik, als vielmehr von der englischen Presse ab.

In England arbeitete Mackinder an seiner Herzland-Theorie („The Geographical Pivot of History erschien 1904), nach der das Deutsche Reich, aufgrund der geopolitischen Lage und der effizienten Wirtschaft, in die Rolle der Weltmacht hineinwachse [ 6].
Noch bevor das Deutsche Reich über eine nennenswerte Seestreitmacht verfügte, verbündete sich Großbritannien mit Frankreich und Rußland. Die Französisch-russische Militärkonvention wurde 1894 abgeschlossen, die Entente Cordiale wurde 1904 gegründet, das Flottengesetz zum Bau von Großkampfschiffen wurde 1906 dem Reichstag vorgelegt.

Fürst v. Bülow: »Wir sind nicht in die Weltpolitik hineingesprungen, wir sind in unsere weltpolitischen Aufgaben hineingewachsen, und wir haben nicht die alte europäische Politik Preußen-Deutschlands gegen die neue Weltpolitik ausgetauscht,… [ 7]

Die deutsche Politik war friedlich, erfolgreich und bedrohte Englands Vormachtstellung.

Stosch.

Die Flotte des Norddeutschen Bundes verfügte 1866 über 25 Schiffe (Ruderboote ausgenommen). Die drei größten waren die Panzerkreuzer Arminus 1829 t, die Prinz Adalbert 1829 t und die König Wilhelm 10 760 t.

1872 wurde Albrecht v. Stosch zum ersten Chef der kaiserlichen (reichsunmittelbaren) Admiralität. Stosch reorganisierte die Marine, legte ein Flottenbauprogramm vor, setzte es durch, daß die Schiffe der kaiserlichen Marine in deutschen Werften gebaut wurden und die Marine Überseedienste verrichten konnte. Er sorgte für eine gründliche Gefechtsausbildung, für ein gestuftes Lehrgangs- und Schulsystem zeitgemäße Lehrmethoden und eine darauf basierende Personalgliederung [ 8].

Admiral Stosch sorgte für die Gründung der Marineakademie, des Meteorologischen Amtes (der Seewarte) und des Hydrographischen Amtes.

In einer Denkschrift von 1873 erklärte Stosch: »Die Offensivkraft in einem großen Kriege kann und muß Deutschland seiner Landarmee überlassen [ 9] Für ihn war die Flotte gleichbedeutend mit Küstenschutz.

Sein Flottengründungsprogramm sah bis 1882 den Bau von

  • 8 Panzerfregatten,
  • 6 Panzerkorvetten,
  • 7 Monitoren (kleine mit schweren Geschützen bewaffnete Schiffe für küstennahen Einsatz bzw. den Einsatz in Binnengewässern,
  • 2 Panzerbatterien,
  • 20 Korvetten,
  • 6 Avisos (kleine Kreuzer mit z. T. eingeschränkter Hochseetauglichkeit),
  • 18 Kanonenbooten,
  • 2 Artillerieschulschiffen,
  • 3 Briggs (Zweimastsegler, dienten als Schulschiffe) und
  • 28 Torpedobooten vor [10].

Infolge der Krise 1877 stellte Reichskanzler Bismarck Admiral Stosch kalt, da ihm dessen Nähe zum liberalen Kronprinzen Friedrich Wilhelm verdächtig erschien. Bismarck befürchtete gestürzt zu werden; er vermutete, daß man beabsichtigte ihn »durch ein Cabinet Gladstone zu ersetzen [11]«.
Im Klartext: Er fürchtete, daß der, mit der englischen Prinzessin Victoria verheiratete, Kronprinz, der spätere Kaiser Friedrich, dem englischen Einfluß erliegen könne.

Caprivi.

Georg Leo Graf von Caprivi löste 1883 Stosch an der Spitze der Marine ab. Die von Stosch bereits begonnene Entwicklung von Torpedobooten wurde durch Caprivi fortgesetzt. Nachdem der spätere Großadmiral Tirpitz die technische Entwicklung der Torpedos geleitet hatte, übertrug ihm Caprivi die Aufgabe, für die Herstellung geeigneter Torpedoboote zu sorgen [12].

Mit Caprivi erhielt die Flotte eine strategische Ausrichtung deren Notwendigkeit er leichthin mit den von ihm Jahr für Jahr wiederholten Worten betonte:

»Nächstes Frühjahr haben wir den Zweifrontenkrieg [13]

Die Aufgabe der Kriegsmarine mußte es also sein, die Vereinigung der russischen mit der Flotte Frankreichs zu verhindern.

Gegenüber England strebte Caprivi freundschaftliche Beziehungen an. Den Rückversicherungsvertrag mit Rußland ließ der 1890 von Kaiser Wilhelm II. zum Reichskanzler ernannte Caprivi auslaufen, um eine Annäherung an England nicht zu gefährden. Der am 1. Juli 1890 geschlossene Helgoland-Sansibar-Vertrag bot Cecil Rhodes die Möglichkeit, das britischen Kolonialreich bzw. die Herrschaft der „East Africa Company“ auf Sansibar aber auch auf Uganda (1893) und Kenia (1895) auszudehnen [14].

Deutschland erhielt im Gegenzug – neben kleineren Gebieten in Afrika – Helgoland. Damit wollte Caprivi die Nutzung Helgolandes als französischen Ankerpunkt verhindern.
Stosch und Tirpitz gingen jedoch davon aus, im Kriegsfalle nicht mit einer englischen Neutralität rechnen zu können und erwogen Helgoland zu einem Hochseehafen für die deutsche Marine auszubauen, um einen küstennahen Blockadegürtel der Engländer zu verhindern [15].

Der Helgoland-Sansibar-Vertrag war Anlaß – wenn auch nicht Ursache – zur Gründung des Alldeutschen Verbandes. Gründungsväter waren Emil Kirdorf, die treibende Kraft beim Aufbau des deutschen Kohle- und Stahlsyndikates und Alfred Hugenberg der Propagandist der Kohle- und Stahlindustrie wie auch dessen Pinup-Kolonialist Carl Peters. Ziel des Alldeutschen Verbandes war es, eine Stimmung zu entfachen, die dem Absatz von Erzeugnisse der Schwerindustrie (z.B. Schiffe und Kanonen) förderlich war [16].

Kaiser Wilhelm II.

Der allem Neuen aufgeschlossene, im Umgang selbst mit einer Jolle geübte Kaiser Wilhelm II. nutzte die Gelegenheit, sich der allgemeinen, jeden Fortschritt blockierenden Bismarck-Nostalgie zu entledigen, indem er den Bau der Flotte mit seinem Namen bzw. seiner Person verband.

Kurz nach der Thronbesteigung verfügte Kaiser Wilhelm II. die Reorganisation der Marine. Die Marine erhielt ein eigenes Oberkommando. Mit dem Reichsmarineamt (RMA) schuf er gleichsam ein Marineministerium [17]. Hinzu kam das vom Kaiser selbst geleitete Marinekabinett [18].

Zunächst ging es um die strategische Ausrichtung der Flotte, d.h. darum, viele unterschiedliche Vorstellungen miteinander in Einklang zu bringen.
Die Fähigkeit zur konstruktiven Zusammenarbeit lag aber im Argen. Kaiser Wilhelm II. nach einer der vielen Auseinandersetzungen:
»Jetzt habe ich euch zugehört, wie ihr stundenlang räsoniert habt nach dem Prinzip, die Schweinerei muß aufhören, und doch hat kein einziger einen wirklich positiven Vorschlag gemacht [19]

Des Kaisers Herz mochte zwar angesichts der vielen Flottenmanöver, denen er beiwohnte, höher geschlagen haben, vergessen werden sollte jedoch nicht, daß diese Manöver vor allem der Entwicklung einer erfolgversprechenden Strategie und Taktik für den Einsatz der Flotte dienten.

Setzte man zunächst auf ein Durchbruchsgefecht mit nebeneinander gestellten Schiffen, um idealerweise im Nahkampf die Schlachtordnung des Gegners aufzulösen, wobei den Torpedobooten eine wichtige Rolle zugekommen wäre, führte die Entwicklung weitreichender Artillerie dazu, in Kiellinie hintereinander fahrende Schiffe ihre Breitseiten auf den Gegner abfeuern zu lassen. Anstelle des Torpedobootes bedurfte es neuer Linienschiffe [20].

Caprivi wurde von Graf Mons ersetzt, Mons der bereits auf die Linienschiffe setzte wurde von Admiral Hollmann ersetzt und der resignierte, nachdem seine Bemühungen, die Mittel zum Aufbau der Flotte vom preußischen Landtag bewilligt zu bekommen, scheiterten [21].

1897 wurde mit Tsingtau ein deutscher Marinestützpunkt in China errichtet, der wie allen Verantwortlichen klar war, der Marine nur in Friedenszeiten und zwar zur Sicherung des deutschen Überseehandels nützlich sein konnte. Die erfolgreiche Besetzung und Anpachtung von Tsingtau diente den Treibern eines deutschen Imperialismus als Beispiel, über das sie ihre Ziele in Land umzusetzen gedachten.

1897 wurde Alfred von Tirpitz an die Spitze des Reichsmarineamts berufen [22].
1899 übernahm Kaiser Wilhelm II. den Oberbefehl der Flotte. Das gefiel weder Tirpitz, noch der Lobby, die sich für den Bau großer Kampfschiffe stark machte.

Tirpitz.

Trotz eigener Vorbehalte gegen die Torpedoboote sorgte Tirpitz dafür, daß die Pläne Caprivis soweit möglich umgesetzt wurden. Das war die Kröte, die Kaiser Wilhelm II. Tirpitz zu schlucken gab. In einem von ihm unter Pseudonym in der „Marine-Rundschau“ Januar 1904 veröffentlichen Artikel maß der Deutsche Kaiser den leichten, schnellen und billigen Schiffen, die er mit den Linienschiffen verglich, eine größere Bedeutung bei [23].

Erstmals wurde mit dem Torpedoboot ein Boot entwickelt, nachdem die seinen Einsatz betreffende Strategie bestimmt worden war. Die technische Entwicklung lag nicht mehr in der alleinigen Verantwortung der Werften, sondern bei der Marine. Zur technischen Reife gelangten die Boote aber erst im Verlauf des Krieges 1914/18. In den Folgejahren wandelte sich das Torpedoboot zum Schnellboot, was den eigentlichen Wert dieser Bootsgattung zur Geltung brachte [24].

Gekoppelt an die Entwicklung der Torpedoboote war die Weiterentwicklung des Torpedos zu einer auch auf größerer Distanz hinweg treffsicheren Waffe, ohne die, die erst später gebauten, U-Boote erfolglos geblieben wären. Es waren die Torpedoboote im Krieg 1914/1918, die die britische Seemacht bei den Schlachten in der Nordsee bzw. bei der Verteidigung der U-Bootstützpunkte in Flandern in die Schranken wies. Der Versailler Vertrag selbst dokumentiert dies, indem die fortan Deutschland erlaubte Anzahl der Torpedoboote von einigen hundert auf acht Boote festgesetzt wurde.

Unter Tirpitz wurde 1897 eine Flottenvorlage erarbeitet, deren Ziel durch den Risikogedanken vorgegeben war: Die Flotte sollte so stark werden, daß sie einem Angreifer Verluste in einer Höhe beizubringen vermochte, die ihn von weiteren Angriffen abhalten sollte. Die Mobilisierung der Öffentlichkeit für die Flottenpläne bewog den Reichstag die zur Umsetzung erforderlichen Mittel bereitzustellen.

Die Flottenvorlage entsprach in ihrem Kern noch dem Konzept der Ausfallflotte wie sie Stosch vorschwebte, ließ aber die Weiterentwicklung zu der von Tirpitz angestrebten Schlachtflotte erkennen, die zunächst 17 Linienschiffe, 8 Küstenpanzerschiffe aus 6 Großen und 10 Kleinen Kreuzern umfassen sollte [25]. Der dem Parlament vorgelegte Gesetzesentwurf versprach in den veranschlagten sechs Jahren ohne die Erhebung zusätzlicher Steuern auskommen zu können [26]. Preissteigerungen und der Wunsch die Baurate von drei Schiffen jährlich aufrecht zu erhalten machten aber die Vorlage eines zweiten Gesetzentwurfs notwendig [27] [28].

Die Kaiserlichen Marine ging von einem übermächtigen Gegner aus, was der Entwicklung strategischer Überlegungen enge Grenzen zog.
Die Flotte als Ganzes war dem erwarteten Gegner unterlegen. Es bestand nie eine Absicht, daran etwas zu ändern. Der Schwerpunkt wurde deshalb auf das Zusammenspiel von Taktik und Technik, auf die Ausbildung der Mannschaften und die Befähigung der Befehlshaber während Schlachten unabhängig von Direktiven des Flottenkommandos handeln zu können, gelegt [29].

Dem Auf- und Ausbau der Kaiserlichen Marine lag jeweils ein längerfristiges Konzept zugrunde, um den gefürchteten jährlichen Haushaltsdebatten möglichst lange aus dem Weg gehen zu können, d.h. wann welches Schiff auf Kiel gelegt wurde, war weitgehend von der Marinepolitik des Auslandes entkoppelt [30].

Mit dem Flottengesetz von 1900 rückte die Flotte von der reinen Küsteverteidigung ab. Auf die Küstenpanzerschiffe wird verzichtet. Anstelle der bisher geplanten 17 Linienschiffe für die heimische Schlachtflotte wurden 34 Linienschiffe zur Bildung von vier Geschwadern, zwei „aktive“ (d.h. permanent in Dienst) und zwei in Reserve, gefordert. Hinzu kamen die für den Auslandsdienst nötigen großen und kleinen Kreuzer Die Torpedobootsdivisionen waren vom neuen Gesetz nicht betroffen [30].

Die deutschen Flottenpläne löste in England eine heftige Kampagnie aus. Maltzahn wunderte sich, daß man in England die deutsche Flottenrüstung nicht „der natürlichen Entwickelung der wirtschaftlichen Verhältnisse“ zuschrieb, „sondern in einer Nervosität, die schwer verständlich ist für ein Land, das sich seiner Stärke bewußt ist, … auf Angriffspläne Deutschlands“ schloß [31].

Gerade weil man in England den Flottenbau als Konsequenz der wirtschaftlichen Verhältnisse begriff, fürchtete es – nach Logik der Heartland-Theorie – eine deutsche Dominanz in Eurasien [32] und die bot Anlaß für Angriffspläne, wenn auch den Engländern.

Großkampfschiffe.

In Deutschland warb man für den Bau der Flotte, in England schürte man die Angst vor einer deutschen Invasion, um den horenden Summen aufzubringender Steuergelder für den Umstieg auf eine neue Schiffsgeneration, die bezeichnenderweise „Dreadnought“ (furchtloser Zerstörer) genannt wurde, vor den Wählern zu rechtfertigen.

Am 7. Februar 1905 schrieb der belgische Botschafter in London an seinen Außenminister:
»Die Feindseligkeit der englischen Öffentlichkeit gegenüber Deutschland beruht offenbar auf Eifersucht und Furcht – Eifersucht angesichts der wirtschaftlichen und kommerziellen Pläne Deutschlands, Furcht davor, dass die deutsche Flotte ihnen eines Tages die Oberhoheit auf den Meeren streitig machen könnte… Diese geistige Haltung wird von der englischen Presse angefacht, ungeachtet jedweder internationalen Komplikationen… ein unkontrollierter Hurrapatriotismus verbreitet sich im englischen Volk, und die Zeitungen vergiften Schritt um Schritt die öffentliche Meinung [33]«.

Im selben Jahr erklärte der Zivillord der Admiralität Lee, daß die britische Flotte gegebenenfalls den ersten Schlag führen werde, noch ehe man auf der anderen Seite der Nordsee Zeit gehabt hätte, die Kriegserklärung in der Zeitung zu lesen [34].
Ebenfalls 1905 begann man in England mit dem Bau von Schiffen der „Dreadnought-Klasse“. Die britische Marine begann ihre Schiffe in der Nordsee zu konzentrieren und errichtete an der Ostküste Großbritanniens neue Stützpunkte, um die erhöhte Präsenz in der Nordsee auf Dauer aufrechterhalten zu können.

1906 wurde im deutschen Reichstag über eine neue Flottennovelle abgestimmt. Dank der feindlichen Haltung Großbritanniens wurde diese Gesetzesvorlage mit großer Mehrheit angenommen. Das galt für die im Jahre 1900 noch abgelehnte Forderung von 6 neuen Großen Kreuzern, wie auch für den Bau weiterer Torpedoboote und für die Entwicklung von Unterseebooten, über die damals die französische Marine wie auch die britische seit längerer Zeit verfügt hatte [35].

Weitere Gesetzesvorlagen in der Folgejahren sorgten für die Einführung deutscher Großkampfschiffe, sei es als als Ersatz für die veralteten Schiffstypen oder im Rahmen des 1900 festgelegten Tempos, in dem man die deutsche Marine aufzubauen beabsichtigte. Im Durchschnitt sollten zwischen 1908 bis 1917 pro Jahr drei Schiffe gebaut werden.
Das hinderte die britische Regierung nicht, ihre Steuerzahler zu belügen und Deutschland zu unterstellen, für seine Flotte größere, als die ausgewiesene Summe aufzuwenden. Kein geringerer als der Erste Lord der Admiralität, Winston Churchill korrigierte dies in seiner Rede vom 9. November 1911, in der er »sich freute bezeugen zu können, daß die Erklärungen des deutschen Ministers über den Bauplan durch die Ereignisse genau bestätigt werden [36]«.

Die vom Deutschen Reich ausgehenden Verhandlungen, sich mit England in der Flottenfrage zu verständigen, wurden von den Engländern selbst dann noch verzögert, als die deutsche Seite den britischen Vorschlag, das Stärkeverhältniss beider Flotten zugunsten der Engländer auf 10 : 16 festzulegen, angenommen hatte.

Tirpitz: »Bei diesen zuerst durch private Unterhändler gepflogenen und von englischer Seite mehrfach stark verschleppten Unterhaltungen gewann ich je länger, desto bestimmter den Eindruck, daß es der englischen Regierung mit einer wirklichen Flottenverständigung nicht ernst war,… [37]«

Der britische Unterhändler hieß Haldane und er benutzte die Flottenverhandlungen dazu, die auf Verständigung mit England angelegte Politik des deutschen Kanzlers zu sabotieren.

Im Manchester Guardian stand zu lesen: "Haldane war hauptsächlich in der Flottenfrage interessiert, und sein durchgängiges Argument, daß eine politische Verständigung unreal bliebe, solange Deutschland nicht einige Flottenzugeständnisse machte, erleichterte die Niedergeschlagenheit des Kanzlers nicht, der indes entschlossen war, wenn er irgend vermochte, den Gedanken an Verständigung mit England nicht an Tirpitz scheitern zu lassen [38]."

Ergebnis der Haldan’schen Mission war eine anläßlich des 1912 herrschenden Balkankrieges von Grey und Haldane gerichtete Drohung, in einem sich ausweitenden Konflikt, gegen das Deutsche Reich ins Feld zu ziehen. Kaiser Wilhelm II. berief für den 8. Dezember 1912 den Kriegsrat ein. Erörtert wurde die strategische Lage Deutschlands und Optionen seiner Verteidigung erwogen. Das Ergebnis des Kriegsrates war bescheiden und fuhr unter Wasser: Es wurde der massive Ausbau der U-Bootsflotte beschlossen [39].

Quellen:

[ 1] Tirpitz, Alfred v., Erinnerungen, Leipzig 1919, S. 51
[ 2] Bülow, Bernhard v., in Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. Band 1 I. Buch, Berlin 1914, S. 9
[ 3] Kaiser Wilhelm II., Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1978-1918, Leipzig 1922, S. 193f
[ 4] Schmoller, Gustav, Die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands und die Flottenfrage in Handels und Machtpolitik I. Band, Stuttgart 1900, S. 5
[ 5] Bülow, Bernhard v., a.a.O. S. 12
[ 6] Mackinder, Halford, Democratic Ideals and Reality, Washington 1996, S. 192
[ 7] Bülow, Bernhard v., a.a.O. S. 9
[ 8] Graubohm, Herbert, Stosch, Albrecht von in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 454-455,  Online-Version auf www.deutsche-biographie.de/pnd11861875X.html#ndbcontent
[ 9] Rosentreter, Robert, Typenkompass Deutsche Kriegsschiffe Kaiserliche Flotte 1914-1918, Stuttgart 2012, S. 4f
[10] ebd.
[11] Bismarck, Otto v., Gedanken und Erinnerungen, München – Berlin 1982, S. 421
[12] Tirpitz, Alfred v., a.a.O., S. 35ff
[13] Caprivi zit. nach Tirpitz, Alfred v., a.a.O., S. 23
[14] Gall/Hölkeskamp/Jakob (Hg.) Oldenbourg Grundriß der Geschichte Band 15, Das Zeitalter des Imperialismus, München 2009, S.72ff
[15] Tirpitz, Alfred v., a.a.O., S. 58ff
[16] Mühle/Scriba, Emil Kirdorf 1847-1938 auf www.dhm.de/lemo/biografie/emil-kirdorf, Stand 15.02.2020
[17] Rosentreter, Robert, a.a.O., S. 5
[18] Tirpitz, Alfred v., a.a.O., S. 39
[19] ebd. S. 40
[20] Maltzahn, Curt v., in Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. Band 1 IV. Buch, Berlin 1914, S. 393
[21] Tirpitz, Alfred v., a.a.O., S. 40ff
[22] Rosentreter, Robert, a.a.O., S. 5
[23] Chamier, Daniel, Wilhelm II. – Der Deutsche Kaiser, München, Berlin 1993, S. 183
[24] a.a.O., S. 90ff
[25] ebd., S. 6
[26] Tirpitz, Alfred v., a.a.O., S. 99
[27] ebd., S. 102f
[28] Maltzahn, Curt v., a.a.O., S. 398f
[29] Tirpitz, Alfred v., a.a.O., S. 46f
[30] Maltzahn, Curt v., a.a.O., S. 399
[31] ebd., S. 403
[32] Mackinder, Halford, a.a.O., S, 192
[33] Zitiert nach Docherty/Macgregor, Verborgene Geschichte, Rottenburg 2014, S. 68f
[34] Tirpitz, Alfred v., a.a.O., S. 172
[35] Maltzahn, Curt v., a.a.O., S. 404
[36] Tirpitz, Alfred v., a.a.O., S. 176
[37] ebd., S. 179
[38] Zitiert nach Tirpitz, Alfred v., a.a.O., S. 194
[39] Mommsen, Wolfgang, War der Kaiser an allem schuld?, Berlin 2005, S. 194f