Seehofer – Charakter statt PR.

Kommt die Rede auf Horst Seehofer (CSU) arten die Gespräche nicht selten in Polemiken aus. Man feiert vorgefaßte Meinungen jenseits der Vernunft. Wir erinnern uns der Retorten Boygroups, den auf dem Reißbrett entstandenen Produkten der Popkultur, wir kennen den konstruierten Hamburger und die durch eine PR-Agentur von links nach rechts gewendeten Grünen – letzteres gemäß dem ursprünglichen Koordinatensystem der Grünen.

Bei Horst Seehofer handelt es sich nicht um ein Produkt, schon gar nicht um eines, was darauf ausgelegt ist, bedenkenlos konsumiert zu werden. Er ist angreifbar, ein Politiker, der sein Menschtum nicht abzulegen vermochte. Festen Schrittes ohngeacht der Fettnäpfchen geht er unerschütterlich seinen Weg.

In der Bild am Sonntag warnte Horst Seehofer davor, Corona-Geimpften, Sonderrechte zu gewähren. Im Kontext der „Faschisierung des Subjekts“ (einer Untersuchung, die der marxistische Philosoph W. F. Haug anstellte, um die Mechanismen herauszuarbeiten, die es den deutschen Faschisten erlaubte, die Vergasung als medizinische Kompetenz erscheinen zu lassen) gesehen, bedeutet dies:

In dem Maße in dem das Individuum für seine Gesundheit haftbar gemacht wird, verstärkt sich ein innerer Widerspruch, da der Wille an der Lebenspraxis scheitert. So entsteht das Einfallstor für den Arzt als Volksführer bzw. den Führer als Arzt.

Geimpften Sonderrechte zukommen zu lassen, bedeutet das Individuum in eben diesen inneren Zwiespalt zu treiben, das es entweder in den Kreis der, wenn auch stellvertretenden, Herren (über sich aber auch über andere) erhebt bzw. in den Kreis der Covidioten hinabstößt.

Davon abgesehen, wird der Einzelne selbst Strategien entwickeln, das Scheitern des ihm eingeimpften Willens zur gesunden Lebensführung zu verarbeiten. Gewaltakte gegen andere oder gegen sich selbst helfen immer, der Ohnmacht zu entgehen, wie sie bei der Unfähigkeit, den Willen zur Macht über die eigene Gesundheit umzusetzen, spürbar wird.

Zu erwähnen bliebe: Ohnmacht ist in seiner Absolutheit die Kehrseite der grassierenden Omnipotenz („wir schaffen das“). Wer es gut mit sich und der Welt meint, mache die Augen auf und erkenne, daß alles voneinander abhängt, wir Gott sei Dank weder ohnmächtig noch allmächtig sind und sein sollten.